Fregatte F 220 "Hamburg" bei der Auslaufparade zum Hafengeburtstag 8. Mai 2010

 

 

 

 

 

 

 

 

 

GEDICHT DES MONATS

 

Ein Gedicht ist eine Sternschnuppe des Alltags.

 

 

Oktober 2026

 

Hans Krech

 

BREXIT - Szenen einer Ehe

 

Der Brexit ist "lediglich die vorläufig letzte Runde in einer uralten Diskussion über die Bedeutung der britischen Geografie".

Ian Morris, Autor "Geografie ist Schicksal"

 

Da ist sie nun die Scheidung

des Vereinigten Königreichs von Großbritannien von der Europäischen Union,

von einer schwierigen 47 Jahre haltenden Ehe,

nach endlosen gegenseitigen Sticheleien und Streitereien

ums Geld, Fischereirechte und Migration,

geschlossen am 1. Januar 1973 und beendet am 31. Januar 2020.

Die Insel im Norden Europas geht wieder ihre eigenen Wege,

hat wieder ihre traditionelle beobachtende Randlage auf dem Kontinent

und vielleicht auch in der Weltpolitik eingenommen.

Es ist schon die dritte Eheauflösung in der britischen Geschichte.

 

Die erste Scheidung 407 n. Chr.

 

Das Römische Imperium war kein eigentlicher Ehepartner,

es marschierte 43 n. Chr. ein auf den genagelten Sohlen der Sandalen seiner Legionäre,

es war ein Gebieter, ein siegreicher Feldherr,

gestützt auf seine überlegene Technik, Wissenschaft, Staatsverwaltung, Kultur

und die fast unbezwingbaren Legionen,

es war ein Sklavenhalter,

und die Briten waren die unterworfenen Untertanen,

die erst in der Endphase der römischen Herrschaft

auch die Bürgerrechte erwerben durften.

Aber die britische Insel war nie ein freiwilliger Teil des Imperiums,

sondern dessen Kriegsbeute.

Es war eine römische Provinz.

Nicht viele Briten werden den 407 n. Chr. abziehenden Legionen

Tränen hinterhergeweint haben.

Die römischen Truppen zogen ungeschlagen ab

und überließen die Inselbewohner ihrem Schicksal,

den nächsten Invasoren, den neuen Eroberern,

den Jüten, Angeln und Sachsen.

 

Die zweite Scheidung 1453

 

Die Ehe wurde von Wilhelm dem Eroberer in der Schlacht von Hastings

am 14. Oktober 1066 mit brutaler Gewalt und Kriegslist erzwungen,

die britische Braut zu Boden geworfen

und nicht nach ihrem Ja-Wort gefragt,

ihre Hoffnungen auf ein Entkommen

durch den landesweiten normannischen Burgenbau eingekerkert.

Britannien wurde so ungewollt Teil Frankreichs

und der erbitterten Machtkämpfe auf dem blutgetränkten europäischen Kontinent,

verlor seine schützende Randlage als Insel im kalten regnerischen Norden,

war mittendrin im alltäglichen europäischen Machtpoker.

Es büßte für sein normannisches Erbe mit dem Hundertjährigen Krieg 1338-1453,

den es letztendlich verlor.

Nur Calais blieb noch bis 1558 im britischen Besitz.

Es war eine dramatische lange Scheidung von Europa.

 

Die dritte Scheidung 31. Januar 2020

 

Die Ehe mit der EWG ging London freiwillig ein,

nach sorgsamer umfassender Abwägung der eigenen nationalen Interessen,

die Heirat mit dem Bund der freien demokratischen Staaten Westeuropas,

die mit Händlerherzen ausgestattet,

dennoch europäische Geschichte schrieben,

die die blutige Saat von 2.000 Jahren Bruderkriegen auf dem Kontinent

nie wieder aufkeimen lassen wollen,

die mit dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes und der Sowjetunion,

der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990,

über sich selbst staunend,

ihren ersten politischen Peak erlebten,

um dann wieder in ihren alltäglichen kleinlichen Zwist und Hader abzutauchen.

 

Unzufrieden und müde vom anstrengenden europäischen politischen Alltag,

manchmal gedemütigt vom deutsch-französischen Führungsanspruch in Brüssel,

getrieben wohl auch von eigenen schmerzhaften Post-Supermacht-Träumen,

letztlich aufgehetzt von einigen anti-europäischen

nur auf den eigenen Machterhalt schauenden britischen Politikern,

erwuchs eine im Unterbewusstsein immer präsente,

aber bis dahin nie dominante Stimmung in der Bevölkerung

gegen die EU,

dieses Europa der Händler und Taktierer,

- obwohl London zu den besten und erfolgreichsten Verhandlern in Brüssel gehörte - 

dieses gleichmacherische Europa vom Baltikum bis Spanien,

von Grönland im Norden bis Ceuta und Melilla in Nordafrika,

dieses zusammenwachsende friedliche Europa,

welches zuallererst auf Paris und Berlin schaute

und dann noch immer nicht nach London.

Das politisch hart umkämpfte Referendum am 23. Juni 2016 gewannen die Brexit-Befürworter mit einer knappen Mehrheit von 51,89 Prozent der Wählerstimmen,

sie erreichten dann nach langen Verhandlungen mit der EU den Brexit,

die Scheidung vom welthistorischen Zukunftsprojekt Europa.

 

Großbritannien ist nun zurück in einer isolierten Randlage des Kontinents,

wieder auf sich selbst gestellt in einer sich globalisierenden Welt,

wieder Außenseiter in Europa,

wieder in einer Sonderrolle,

so wie einst Britannien vor mehr als 2.000 Jahren seinen Blick auf die südlichen Nachbarn richtete.

Der EU-Rückkehrwunsch Schottlands

könnte den Zerfallsprozess des Vereinigten Königreichs einleiten,

oder

es gelingt der politischen Elite in London

sich auf die wesenseigenen britischen Stärken zu besinnen:

  • vererbt von der die Nation verbindenden Magie Merlins,
  • dem unbeugsamen Kampfeswillen des never-give-up Königs Alfred the Great
  • dem Wagemut, dem Geschäftssinn und der Meerliebe der Wikinger,
  • dem Forschungsdrang und Entdeckerblut der berühmten Seefahrer,
  • den weltweit bewunderten Universitäten in Oxford, Cambridge und London.

Großbritannien muss sich jetzt seinen Platz in der Welt

beim Übergang ins Informationszeitalter

mit eigenen Kräften erkämpfen,

in harter Konkurrenz

zum reichen und mächtigen Staatenbündnis der Europäischen Union.

 

Es ist die erste freiwillige und friedliche Scheidung Britanniens von Europa,

eine Versöhnung und eine Zusammenarbeit sind immer noch möglich,

die Tür der EU für Großbritannien ist nur angelehnt,

sie ist nicht verschlossen,

sie kann jeden Tag von London aus

wieder geöffnet werden.

 

 

 

September 2026

 

Hans Krech

 

O´l Man River

 

Graues weites Wasser des gigantischen Mississippi,

kleine Wellen

wandernd von Minnesota bis zum Golf von Mexiko,

transportierend Biberfelle und Fische,

Krabben und Muscheln,

und Sklaven aus Greater Senegambia, the Gold Coast,

the Bight of Benin,

das letzte Sklavenschiff 1830 New Orleans anlaufend.

 

Auf den Cotton-Plantagen Louisianas

die Sklaven im Arbeitsrhythmus singend ihren westafrikanischen Blues,

aus dem mit jubelnder Trompete

und dem majestätischen  Bass von Louis Satchmo Armstrong

der Jazz entstand,

"O´l Man River" zur Hymne von New Orleans machend

und zum Geschenk der Hafenstadt

an die Weltkultur.

 

(geschrieben am 2. April 2026 auf einer Bank im Hafen von New Orleans bei heranziehendem Regen)

 

 

August 2026

 

Hans Krech

 

Die Mississippi-Hanse

 

Ein Erdhügel in den Appalachen,

wohl dreißig Meter hoch,

darin ein mit Holzbohlen

abgestützter Stollen,

der in einem engen Rundraum endet,

gebaut vor 2.000 Jahren,

eskortiert von zwei weiteren kleineren Mounds

und Teil eines fast ganz Nordamerika

überziehenden Wegenetzes der Mississippi-Kultur

mit dem Haupthandelsstützpunkt Cahokia

beim heutigen St. Louis,

wo bis zu 40.000 Angehörige der First Nations lebten.

 

Der Mississippi war der Vater

dieses von 800 v. Chr. bis um 1500 n.Chr.

existierenden Verbundes der Stämme,

den Handel von den Großen Seen im Norden

bis zum Delta des Stromes ermöglichend,

von 46 Generationen Mississippianern,

die so in engem Kontakt standen,

Kriege vermeidend,

einander verstehend und unterstützend,

überall ihre Mounds errichtend,

in denen ihre religiösen Führer lebten

oder berühmte Häuptlinge bestattet wurden.

 

(geschrieben am 9. April 2026 nach dem Besuch des Ocmulgee Mounds National Historic Park im Tennessee Valley. Die dortigen drei Mounds wurden zwischen 100 v. Chr. und 400 n. Chr. errichtet.)

 

 

Juli 2026

 

Hans Krech

 

Die erste Interstate

 

Mitten durch unberührte Wälder,

dicht und grün und wild,

brachen Millionen Bisons

seit Urzeiten einen Pfad,

den sie auf ihren alljährlichen Wanderungen

zu einem Hohlweg

mit festgestampften Boden vertieften,

die Böschungen höher als der Rist der mächtigsten Büffelbullen.

 

8.000 Jahre lang die Native Tribes

den Natchez Trace 

mitnutzend für ihren Handel mit Fetten.

 

Diese Symbiose zwischen den Bisons und den First Nations

zerbrechend mit den ersten weißen Siedlertrecks

von Natchez nach Nashville ab 1800,

begleited von der beginnenden Ausrottung der Büffel

und dem Erschließen der Wasserstrasse des Mississippi

durch die Schaufelraddampfer.

 

So aus der ersten Interstate des Kontinents,

dem Natchez Trace,

einen Sunken Trace machend.

 

(geschrieben am 4. April 2026 in Memphis/ Tennessee) 

 

 

Juni 2026

 

Hans Krech

 

Oak Alley Plantation

 

Virginia-Eichen

wohl zweihundert Jahre alt,

mit einem Stammumfang von bis zu zehn Metern,

alle knorrigen Äste innen hohl,

überzogen mit Moosen und Farnen,

angetreten in einer 240 m langen Allee,

ihre breit ausladenden Kronen sich verbindend

zu einem majestätischen Live Oak-Kreuzgang,

hinführend zum Big House,

leuchtend weiß, mit großen blinkenden Fenstern

und Portalen aus Eichenholz,

gestützt von dorischen Marmorsäulen,

eine überdachte Ballustrade als Halskette tragend,

die prächtigste Antebellum-Villa Louisianas.

 

Imd dahinter versteckt die sechs Cabins,

die winzigen grauen Holzhütten der Sklaven,

die auf den Zuckerrohrfeldern am nahen Mississippi

diese vollkommene Schönheit der Oak Alley Plantation

erarbeiteten.

 

(geschrieben am 3.4.2026 im Natchez Grand Hotel, Natchez, Bundesstaat Mississippi)

 

 

Mai 2026

 

Hans Krech

 

Wo unsere Revolution begann

 

Eine weiße Mittagssonne am Himmel Atlantas,

die meinen Weg ausleuchtet,

zum Geburtshaus von Martin Luther King Jr.,

zur Ebenezer Baptist Church,

bis zu jenem langgestreckten hellblauen Wasserbecken,

durch das der ewige Fluss des Lebens über vier Kaskaden

hin zu jener Insel fließt,

auf der unser Lehrmeister seit 1974 in seinem Marmorsarkophag rastet:

"We will not be satisfied -

Unitil Justice rolls down like Water -

And Rightousness -

Like a Mighty Stream - "

 

Wir Bürgerrechtler lernten von MLK.

Wir haben ihn bewundert,

die Kampagnen analysiert und kopiert,

um mit der Waffe Ziviler Ungehorsam

die kommunistische SED-Diktatur

im revolutionären Herbst 1989 zu zerbrechen

und die Menschen- und Bürgerrechte durchzusetzen.

 

Ich will niederknien und beten.

Lächelnd flüstert er mir zu:

"The Dream Lives. The Legacy Continues"

 

Und ich verlasse

den Martin Luther King Jr National Historical District

in Atlanta/ Georgia

aufrecht,

selbstbewusst,

mit erhobenem Kopf

auf dem Walk of Fame der Civil Rights Movement,

bleibe stehen in der Fußspur von Rosa Parks,

lache mein Siegerlachen.

Ich stehe genau da, wo unsere Revolution begann.

 

(geschrieben 7.4.2026 Atlanta/ Georgia)

 

April 2026

 

Hans Krech

 

Dallas mit Texas-Mond

 

Zwischen Comerica Bank und Mercantile Building

hat er auf mich gewartet,

fast ein Vollmond, fast ein Wolfsmond,

darauf große graue Krater, ganz nah,

unheimlich,

deutlich zu sehen.

Der Stern des Lone-Star-State.

 

Im Hintergrund das blaue Neongerüst des 270-Meter-Renaissance-Towers "Ewing Oil",,

stützend den Start des riesigen roten Pegasus vom Dach des Magnolia Hotels.

Unten auf der Pacific Avenue

eine Harley-Davidson langsam durch die Straßenschlucht rollend,

die Lautsprecher brüllend Rap-Musik,

hämmernd den Sound dieser Zaubernacht in mein Herz,

das darauf Jahrzehnte gewartet hat.

 

Und Dallas marschiert in mich hinein,

vorneweg die Texas Longhorn-Herde von der Pioneer Plaza,

mit seiner Rundumweitsicht der Reunion Tower,

dem aufgeschlagenen Geschichtsbuch des George W. Bush Presidential Center,

und mahnend für immer

mit dem weißen Kreuz auf der Elm Street am School Book Depository,

der ermordete Amerikanische Traum.

Auf der John F. Kennedy Memorial Plaza

eingemauert alle Fragen in dickem grauen Beton.

Eine Berliner Mauer.

 

Und dazwischen nun auch ich.

Ein Molekül im Trinity-River.

Eine Diode im roten Pegasus.

Ein Weltbürger dieser Schicksalsstadt.

Dallas mit Texas-Mond.

 

(geschrieben 29. März 2026, Dallas, Hilton Garden Inn,

1600 Pacific Avenue, R. 1110, nach 20:54 Uhr)

 

März 2026

 

Hans Krech

 

Dom Europa

     Für Karl den Großen

 

Sonnenlicht gefiltert durch blaubunte turmhohe Kirchenfenster

bricht sich auf dem magischen Kaiserschrein

tief im Herzen der Apsis,

in dem die Gebeine

unseres Vaters ruhen,

der uns zeugte in Dekaden endloser Feldzüge

aus dem Blut der tapferen sächsischen Krieger,

den gefällten heiligen Eichen,

den erbarmungslosen Intrigen seiner Ahnen

zur Eroberung des Thrones der Merowinger.

 

All dies uns als Erblast

mitgebend durch zwölf dunkle Jahrhunderte,

manchmal den Traum eines geeinten friedlichen Europas

in der fernen Morgenröte erahnend

am Ende der alten Zeit.

 

(Dom zu Aachen, 21.4.2015)

 

Februar 2026

 

Hans Krech

 

Ein Januarabend in Blankenese

 

Weißer Christstern

im gotischen Türgewölbe

der Blankeneser Kirche

einer dunklen Januarnacht.

 

Mit seinen Zacken strahlend

in jede Himmelsrichtung

die Botschaft eines beginnenden

guten Jahres

auch in mein Herz.

 

 

Januar 2026

 

Hans Krech

 

Elphi

 

Eine silbrig glänzende Welle

voll Elbwasser,

hoch, steil,

die schönste Philharmonie des Landes,

mit der besten Akustik europaweit,

singend das ewige Lied der Elbe,

des Schicksalsflusses der Deutschen,

Ost und West verbindend

und das Tor der Nation zur Welt öffnend.

 

Dezember 2025

 

Hans Krech

 

Blankeneser Weihnachtsmarkt

 

Die Spitzen der Tannenzweige

sind silbrig weiß und schwer

vom ersten Neuschnee,

gemalt

auf eine nachtschwarze Novemberleinwand.

 

Das Gold eines Glühweins mit Rum

erhellt meine weihnachtssüchtige Seele.

 

 

Oktober 2024

 

Hans Krech

 

Das große Tor von Kiew

 

Modest Mussorgski 1874 zu einem Bild von Viktor Hartmann in seinem Zyklus "Bilder einer Ausstellung", 10. Satz

 

Aufgestoßen das große Tor von Kiew

durch das standhafte ukrainische Volk

in Richtung Westen,

nach Europa,

hinaus aus dem sowjetischen Gulag

in die Freiheit.

 

(geschrieben am 14. Kriegstag, 9.3.2022)