Fregatte F 220 "Hamburg" bei der Auslaufparade zum Hafengeburtstag 8. Mai 2010

 

 

 

 

 

 

 

 

 

GEDICHT DES MONATS

 

Ein Gedicht ist eine Sternschnuppe des Alltags.

 

 

Mai 2024

 

Hans Krech

 

London is calling

 

Big Ben, die Königin aller Uhren

auf der berühmtesten Turmuhr der Welt

schlägt stündlich,

assistiert von den vier kleineren Viertelstundenglocken.

Der tiefe Ton der Great Bell of Westminster

verkündet eine heilige uralte Botschaft,

die fünfzehn Meilen im Umkreis

in der Londoner City zu hören ist

und die seit 1923

am Beginn der BBC-Radio-News

über die gesamte Welt verbreitet wird.

Seit genau einhundert Jahren.

 

Ein Oratorium,

die Gründungsgeschichte unserer Kultur erzählend,

berichtend vom "Messias",

komponiert von Händel in nur 24 Tagen für die Ewigkeit.

Und dies alles in diesem klaren Bronzebass,

mit gewaltigem Echo aufrüttelnd den Globus,

nach einer Antwort suchend,

jede volle Stunde über den Erdkreis rufend:

Wo ist der Messias?

Wo ist der Erlöser?

Wo ist der Retter?

London is calling!

 

(Cranachstr. , 11.5.2023)

 

April 2024

 

Hans Krech

 

Karfreitag

 

Morgenfrost mattiert mit seinem Raureif

silbrig glänzend die Pfützen auf den Wegen

und die Glasscheiben an den

Wartehäuschen der Bushaltestellen.

Eingefrorene Frühlingsträume,

in die wir noch heute Nachmittag

hineintauen werden,

den Blick dann frei geradeaus

in das aus dem Winterschlaf erwachende Jahr,

zartgrün sprießend,

überschwemmt vom Duft

blauberockter Krokusse.

 

Die Hoffnung ist wiederauferstanden,

sie steht auf kräftigen Beinen,

sie rennt,

sie liebt,

sie siegt!

 

(Hamburg, Cranachstr., Karfreitag, 30.3.2018, 9 Uhr)

 

 

März 2024

 

Hans Krech

 

Let´s go back to the Stars

(Coldplay Live in Sao Paulo, 2018)

 

Aus Sternenstaub geboren,

aus der Eiseskälte in der Tiefe unseres Sonnensystems,

kreisend in der Milchstraße,

genauso wie einhundert Milliarden

weiterer Universen im unendlichen All,

nie allein,

immer beobachtet.

 

Träumend die Menschheit seit Zehntausenden von Jahren

von den Reisen zum Mond, zu Mars und Venus

und dann weit hinaus

in den Kosmos ohne Anfang und Ende,

nicht erfassbar durch den menschlichen Verstand,

weil sterblich, weil endlich, weil vergänglich.

 

Und doch aus Sternenstaub geboren.

Let´ go back to the Stars.

 

Februar 2024

 

Hans Krech

 

Dom Europa

     Für Karl den Großen

 

Sonnenlicht gefiltert durch blaubunte turmhohe Kirchenfenster

bricht sich auf dem mattgoldenen Kaiserschrein

tief im Herzen der Apsis

in dem die Gebeine

unseres Vaters ruhen,

der uns zeugte in Dekaden endloser Feldzüge

aus dem Blut der tapferen sächsischen Krieger,

den gefällten heiligen Eichen,

den erbarmungslosen Intrigen seiner Ahnen

zur Eroberung des Thrones der Merowinger.

 

All dies uns als Erblast

mitgebend durch zwölf dunkle Jahrhunderte,

manchmal den Traum eines geeinten friedlichen Europas

in der fernen Morgenröte erahnend

am Ende der alten Zeit.

 

(Dom zu Aachen, 21.4.2015)

 

 

Januar 2024

 

Hans Krech

 

Sledge Hammer

 

Niedergedrückt

von den verlorenen Siegen

der vergangenen zwölf Monate,

empfange ich auf den Knien

die Verheißungen des neuen Jahres:

seinen Reichtum, seine Gesundheit,

sein Glück, seine Küsse,

seine schönen Mädchen.

 

Dann stehe ich auf

und schmiede das Jahr

nach meinem Willen.

 

Dezember 2023

 

Hans Krech

 

Mein Gym 1: Der Power-Trainingsrhythmus

 

"I love Rockn´Roll!"

brüllt Britney aus den Lautsprecherboxen

in meinem Gym McFit

in der ersten Etage des UCI-Kinos Hamburg-Othmarschen.

Es wackeln die Kraftmaschinen,

tanzen die Hanteln,

rollen die Schwungräder,

pendeln die Sandsäcke,

rattern die Laufbänder,

stöhnen die schweißüberströmten Power-Mädchen,

hecheln die Bodybuilder unter dem Eisen,

gnadenlos im Britney-Super-Drive gefangen,

der jeden Atemzug bestimmt,

jeden Herzschlag,

jede Bewegung,

jeden Gedanken,

jede menschliche Regung,

jeden Blick.

 

"I love Rockn´Roll!"

Und Britney legt zu,

sie steht auf einem harten Finale,

steigert sich zu einem Orkan,

das das halbe Gebäude schwankt,

ein Erdbeben bricht aus,

die Fitness-Junkies vor sich hertreibend,

in einen Orgasmus des Willens!

 

(geschrieben am 10.9.2023, Nachmittag im kleinen Park an der Cranachstr.)

 

 

November 2023

 

Hans Krech

 

November-Blues

 

Auf grauer Leinwand

malt der Sonntag,

still mit schwarzem Pinsel

den Garten aus.

 

Hohe Bäume recken ihre kahlen Äste

in den düsteren sonnenleeren Himmel,

gespenstische Tentakeln von Krakenmonstern,

die nach unserer Seele greifen.

 

Dauerregen klopft

an die Fensterscheiben,

singt das Herbstabschiedslied:

November-Blues.

 

 

Oktober 2023

 

Hans Krech

 

Triptychon Ode an die Freiheit

 

I. Linker Flügel: Europäische Union - ein anderes Wort für Demokratie, soziale Sicherheit und wirtschaftlichen Aufstieg

 

Die blaue Insel der Glückseligen

im brandenden Ozean unserer Welt

wird von 28 goldenen Sternen überstrahlt.

Der Sehnsuchtsort für drei Viertel der Weltbevölkerung.

Die Freiheit wirft immer ein helles Licht.

 

II. Rechter Flügel: NATO - ein anderes Wort für Frieden

 

Blau ist der Kompass der Freiheit,

der Magnetpol der globalen Friedensbewegung.

Kein Frieden ohne Freiheit -

Ein Motto, eine Warnung, ein Gesetz.

 

III. Haupttafel: Brussels - die Hauptstadt der Freiheit

 

Liebenswert, vielsprachig, bodenständig und multikulturell

ist das neue Rom,

wo alle europäischen Straßen und politischen Konzepte hinführen -

Housing the heart of Europe.

 

Sockel der Haupttafel:

Geschrieben bei einem Besuch im Hauptquartier der NATO und im Europäischen Parlament am 4. Dezember 2015 in Brussels.

 

 

September 2023

 

Hans Krech

 

Ein Geschenk des Parks

 

Warten im Park

auf wundersame Wortgebilde,

geboren aus dem Rauschen des dunkelgrünen Laubes

der hohen Pappeln und Buchen,

heranschwebend, gleitend,

kriechend über den kurzgeschorenen Rasen,

von summenden Bienen transportiert

zu den winzigen fleißigen Ameisen zu meinen Füßen,

die hektisch Buchstaben und Silben sortieren.

 

Warten im Park

auf seine lyrischen Mosaiksteinchen,

die in mein Herz hineinfließen,

in meine Sehnsüchte und Ängste,

in die Kulimine meines Stiftes,

um aufgeschrieben zu werden

auf den leeren linierten Seiten meines Collegeblockes,

wo sich Buchstaben zu Silben verbinden

und dann zu Wörtern formen,

aufbauend ein Gedicht.

 

(Kleiner Park an der Cranachstr., Sonntagnachmittag, 16.7.2023)

 

 

April 2022

 

Hans Krech

 

Das große Tor von Kiew

 

Modest Mussorgski 1874 zu einem Bild von Viktor Hartmann in seinem Zyklus "Bilder einer Ausstellung", 10. Satz

 

Aufgestoßen das große Tor von Kiew

durch das standhafte ukrainische Volk

in Richtung Westen,

nach Europa,

hinaus aus dem sowjetischen Gulag

in die Freiheit.

 

(geschrieben am 14. Kriegstag, 9.3.2022)