GEDICHT DES MONATS
Ein Gedicht ist eine Sternschnuppe des Alltags.
Juni 2026
Hans Krech
Oak Alley Plantation
Virginia-Eichen
wohl zweihundert Jahre alt,
mit einem Stammumfang von bis zu zehn Metern,
alle knorrigen Äste innen hohl,
überzogen mit Moosen und Farnen,
angetreten in einer 240 m langen Allee,
ihre breit ausladenden Kronen sich verbindend
zu einem majestätischen Live Oak-Kreuzgang,
hinführend zum Big House,
leuchtend weiß, mit großen blinkenden Fenstern
und Portalen aus Eichenholz,
gestützt von dorischen Marmorsäulen,
eine überdachte Ballustrade als Halskette tragend,
die prächtigste Antebellum-Villa Louisianas.
Imd dahinter versteckt die sechs Cabins,
die winzigen grauen Holzhütten der Sklaven,
die auf den Zuckerrohrfeldern am nahen Mississippi
diese vollkommene Schönheit der Oak Alley Plantation
erarbeiteten.
(geschrieben am 3.4.2026 im Natchez Grand Hotel, Natchez, Bundesstaat Mississippi)
Mai 2026
Hans Krech
Wo unsere Revolution begann
Eine weiße Mittagssonne am Himmel Atlantas,
die meinen Weg ausleuchtet,
zum Geburtshaus von Martin Luther King Jr.,
zur Ebenezer Baptist Church,
bis zu jenem langgestreckten hellblauen Wasserbecken,
durch das der ewige Fluss des Lebens über vier Kaskaden
hin zu jener Insel fließt,
auf der unser Lehrmeister seit 1974 in seinem Marmorsarkophag rastet:
"We will not be satisfied -
Unitil Justice rolls down like Water -
And Rightousness -
Like a Mighty Stream - "
Wir Bürgerrechtler lernten von MLK.
Wir haben ihn bewundert,
die Kampagnen analysiert und kopiert,
um mit der Waffe Ziviler Ungehorsam
die kommunistische SED-Diktatur
im revolutionären Herbst 1989 zu zerbrechen
und die Menschen- und Bürgerrechte durchzusetzen.
Ich will niederknien und beten.
Lächelnd flüstert er mir zu:
"The Dream Lives. The Legacy Continues"
Und ich verlasse
den Martin Luther King Jr National Historical District
in Atlanta/ Georgia
aufrecht,
selbstbewusst,
mit erhobenem Kopf
auf dem Walk of Fame der Civil Rights Movement,
bleibe stehen in der Fußspur von Rosa Parks,
lache mein Siegerlachen.
Ich stehe genau da, wo unsere Revolution begann.
(geschrieben 7.4.2026 Atlanta/ Georgia)
April 2026
Hans Krech
Dallas mit Texas-Mond
Zwischen Comerica Bank und Mercantile Building
hat er auf mich gewartet,
fast ein Vollmond, fast ein Wolfsmond,
darauf große graue Krater, ganz nah,
unheimlich,
deutlich zu sehen.
Der Stern des Lone-Star-State.
Im Hintergrund das blaue Neongerüst des 270-Meter-Renaissance-Towers "Ewing Oil",,
stützend den Start des riesigen roten Pegasus vom Dach des Magnolia Hotels.
Unten auf der Pacific Avenue
eine Harley-Davidson langsam durch die Straßenschlucht rollend,
die Lautsprecher brüllend Rap-Musik,
hämmernd den Sound dieser Zaubernacht in mein Herz,
das darauf Jahrzehnte gewartet hat.
Und Dallas marschiert in mich hinein,
vorneweg die Texas Longhorn-Herde von der Pioneer Plaza,
mit seiner Rundumweitsicht der Reunion Tower,
dem aufgeschlagenen Geschichtsbuch des George W. Bush Presidential Center,
und mahnend für immer
mit dem weißen Kreuz auf der Elm Street am School Book Depository,
der ermordete Amerikanische Traum.
Auf der John F. Kennedy Memorial Plaza
eingemauert alle Fragen in dickem grauen Beton.
Eine Berliner Mauer.
Und dazwischen nun auch ich.
Ein Molekül im Trinity-River.
Eine Diode im roten Pegasus.
Ein Weltbürger dieser Schicksalsstadt.
Dallas mit Texas-Mond.
(geschrieben 29. März 2026, Dallas, Hilton Garden Inn,
1600 Pacific Avenue, R. 1110, nach 20:54 Uhr)
März 2026
Hans Krech
Dom Europa
Für Karl den Großen
Sonnenlicht gefiltert durch blaubunte turmhohe Kirchenfenster
bricht sich auf dem magischen Kaiserschrein
tief im Herzen der Apsis,
in dem die Gebeine
unseres Vaters ruhen,
der uns zeugte in Dekaden endloser Feldzüge
aus dem Blut der tapferen sächsischen Krieger,
den gefällten heiligen Eichen,
den erbarmungslosen Intrigen seiner Ahnen
zur Eroberung des Thrones der Merowinger.
All dies uns als Erblast
mitgebend durch zwölf dunkle Jahrhunderte,
manchmal den Traum eines geeinten friedlichen Europas
in der fernen Morgenröte erahnend
am Ende der alten Zeit.
(Dom zu Aachen, 21.4.2015)
Februar 2026
Hans Krech
Ein Januarabend in Blankenese
Weißer Christstern
im gotischen Türgewölbe
der Blankeneser Kirche
einer dunklen Januarnacht.
Mit seinen Zacken strahlend
in jede Himmelsrichtung
die Botschaft eines beginnenden
guten Jahres
auch in mein Herz.
Januar 2026
Hans Krech
Elphi
Eine silbrig glänzende Welle
voll Elbwasser,
hoch, steil,
die schönste Philharmonie des Landes,
mit der besten Akustik europaweit,
singend das ewige Lied der Elbe,
des Schicksalsflusses der Deutschen,
Ost und West verbindend
und das Tor der Nation zur Welt öffnend.
Dezember 2025
Hans Krech
Blankeneser Weihnachtsmarkt
Die Spitzen der Tannenzweige
sind silbrig weiß und schwer
vom ersten Neuschnee,
gemalt
auf eine nachtschwarze Novemberleinwand.
Das Gold eines Glühweins mit Rum
erhellt meine weihnachtssüchtige Seele.
Oktober 2024
Hans Krech
Das große Tor von Kiew
Modest Mussorgski 1874 zu einem Bild von Viktor Hartmann in seinem Zyklus "Bilder einer Ausstellung", 10. Satz
Aufgestoßen das große Tor von Kiew
durch das standhafte ukrainische Volk
in Richtung Westen,
nach Europa,
hinaus aus dem sowjetischen Gulag
in die Freiheit.
(geschrieben am 14. Kriegstag, 9.3.2022)