GEDICHT DES MONATS
Ein Gedicht ist eine Sternschnuppe des Alltags.
März 2026
Hans Krech
Dom Europa
Für Karl den Großen
Sonnenlicht gefiltert durch blaubunte turmhohe Kirchenfenster
bricht sich auf dem magischen Kaiserschrein
tief im Herzen der Apsis,
in dem die Gebeine
unseres Vaters ruhen,
der uns zeugte in Dekaden endloser Feldzüge
aus dem Blut der tapferen sächsischen Krieger,
den gefällten heiligen Eichen,
den erbarmungslosen Intrigen seiner Ahnen
zur Eroberung des Thrones der Merowinger.
All dies uns als Erblast
mitgebend durch zwölf dunkle Jahrhunderte,
manchmal den Traum eines geeinten friedlichen Europas
in der fernen Morgenröte erahnend
am Ende der alten Zeit.
(Dom zu Aachen, 21.4.2015)
Februar 2026
Hans Krech
Ein Januarabend in Blankenese
Weißer Christstern
im gotischen Türgewölbe
der Blankeneser Kirche
einer dunklen Januarnacht.
Mit seinen Zacken strahlend
in jede Himmelsrichtung
die Botschaft eines beginnenden
guten Jahres
auch in mein Herz.
Januar 2026
Hans Krech
Elphi
Eine silbrig glänzende Welle
voll Elbwasser,
hoch, steil,
die schönste Philharmonie des Landes,
mit der besten Akustik europaweit,
singend das ewige Lied der Elbe,
des Schicksalsflusses der Deutschen,
Ost und West verbindend
und das Tor der Nation zur Welt öffnend.
Dezember 2025
Hans Krech
Blankeneser Weihnachtsmarkt
Die Spitzen der Tannenzweige
sind silbrig weiß und schwer
vom ersten Neuschnee,
gemalt
auf eine nachtschwarze Novemberleinwand.
Das Gold eines Glühweins mit Rum
erhellt meine weihnachtssüchtige Seele.
Oktober 2024
Hans Krech
Das große Tor von Kiew
Modest Mussorgski 1874 zu einem Bild von Viktor Hartmann in seinem Zyklus "Bilder einer Ausstellung", 10. Satz
Aufgestoßen das große Tor von Kiew
durch das standhafte ukrainische Volk
in Richtung Westen,
nach Europa,
hinaus aus dem sowjetischen Gulag
in die Freiheit.
(geschrieben am 14. Kriegstag, 9.3.2022)