Fregatte F 220 "Hamburg" bei der Auslaufparade zum Hafengeburtstag 8. Mai 2010

GEDICHT DES MONATS

 

Ein Gedicht ist eine Sternschnuppe des Alltags.

 

 

November 2017

 

Hans Krech

 

Stillleben mit Weihnachtsmarkt

 

Rätselhafte Lichter wandern über die Tanne

auf der Binnenalster am Jungfernstieg.

Im Hintergrund Weihnachtsmelodien vom Broadway,

die gemischt mit Glühwein und Rum

in mich hineinfliessen.

 

In kalter dunkler Winternacht

sanft träumend vom Aufstieg des neuen Jahres.

 

(geschrieben am 14.12.2014 gegen 18 Uhr auf dem Weihnachtsmarkt am Jungfernstieg nach dem Besuch der Sonderausstellung Stillleben von Max Beckmann in der Kunsthalle)

 

Oktober 2017

 

Hans Krech

 

Lesen

 

Zuerst las ich alle meine Schulbücher, wenn ich sie Ende August aus der Schule in Bueschdorf abgeholt hatte. Ich legte mich auf den Rasen unter den Gravensteiner-Apfelbaum und las alle Buecher von der ersten bis zur letzten Seite vor dem ersten Schultag Anfang September.

 

Dann las ich in der Schulbibliothek in Bueschdorf jedes Buch und die Groschen-Romane der Tochter des Schuldirektors.

 

Dann las ich alle fuer Kinder erlaubten Bücher der Stadtbibliothek Halle am Hallmarkt. Das waren Abenteuerromane, Bücher über die Revolution in Kuba und den Freiheitskampf der kolonial unterdrückten Völker.

 

Dann las ich alle Buecher meiner Mutter. Alle. Französische Liebesromane, das Aufklaerungsbuch fuer Kinder. Auch alle Bücher, die sie mir zu Geburtstagen und Weihnachten schenken wollte, hatte ich sämtlich schon lange vorher insgeheim gelesen. Manche auch schon mehrfach. Auch das Lexikon meines Grossvaters aus dem Jahr 1901 studierte ich umfassend.

 

Dann wurde ich Stammleser in der Schulbibliothek der Erweiterten Oberschule "August Hermann Francke".

 

Dann studierte ich die Bücher im Wissenschaftsbereich Allgemeine Geschichte und in der Universitaets- und Landesbibliothek Halle-Wittenberg. Unzählige Abende verbrachte ich im Lesesaal der Uni-Bibliothek.

 

Die Deutsche Bücherei in Leipzig war fuer mich wie ein zweites Wohnzimmer. Dort studierte ich die deutschsprachige Literatur. Ich gehörte zu den wenigen DDR-Buergern, die eine Bescheinigung zum Lesen von westlicher Literatur hatten, die nur in einem Turm ueber dem Hauptlesesaal einsehbar war. Die schwere Eisentuer vor diesem abgeschotteten kleinen Leseraum war eine Mauer innerhalb der DDR, die ich ueberwinden konnte. Dort lernte ich gesamtdeutsch zu denken.

 

Oft war ich in Ost-Berlin in der Staatsbibliothek Unter den Linden. Es war die einzige Bibliothek der DDR, die westliche Literatur auch in Englisch aktiv kaufte. Mit einer Sondererlaubnis durfte ich Fachzeitschriften, Zeitungen und Bücher aus aller Welt lesen. Hier lernte ich global zu denken.

 

Dann wurde ich Dichter.

Dann wurde ich Bürgerrechtler.

Dann wurde ich Revolutionär.

Dann starb die DDR.

 

(Hamburg, 22.12.2012)

 

September 2017

 

Hans Krech

 

Lost

 

Der Wind hat mir erzählt,

dass die wunderschöne langbeinige Kellnerin

aus dem "Overstrand",

die einige meiner Träume regierte,

nach London gezogen ist.

 

Meine Sehnsüchte 

waren für sie keine geschlossene Tür.

 

Das "Overstrand" überlebte als billige Spelunke.

Lost.

 

(Bournemouth, 22.7.2015)

 

August 2017

 

Hans Krech

 

Triptychon mit Orgel um 1850

 

Linker Flügel

 

Jubilierende Lerchen, die steil aufsteigend die Morgensonne anbeten,

das jeden Tag begleitende Geschrei der Möwen,

das ewig währende Rauschen der vom Nordwind an die Kaimauern getriebenen schwappenden Wellen der Elbe,

das Schellen der Schiffsglocken der in den Hafen einlaufenden Segelschiffe,

das werbende Rufen der Händler auf dem Fischmarkt,

das reiche Klimpern der Goldstücke in Banken und Kontoren,

das wehmütige Abschied nehmende Singen der Auswandererfamilien an der Englischen Planke,

das trockene Knarren der Räder der Pferdegespanne an den Landungsbrücken,

das lustige Lachen spielender Kinder auf dem Jungfernstieg,

das befehlende Läuten der Kirchenglocken

und dann nachts die trunkenen Seemannslieder aus den Kneipen auf St. Pauli,

begleitet vom Kreischen halbnackter Huren.

 

Rechter Flügel

 

Das sind die Stimmen Hamburgs:

seine Gespräche,

seine Hoffnungen,

seine Enttäuschungen,

seine Krankheiten,

seine Träume,

seine Wut,

seine Arbeit,

seine Gebete,

seine Liebe,

sein Sterben,

sein Streit,

sein Aufbruch:

SEIN ALLTAGSLEBEN.

 

Mitteltafel

 

Allsonntäglich von der Sturmflut

der sich in jede Fuge der Stadt hineinfressenden

gewaltigen Erhabenheit des Klanguniversums

der großen Orgel von St. Michaelis überschwemmt,

die bei den Hamburgern verstörende Gefühle auslöst,

eine euphorische Begegnung mit Gott.

 

Sockel der Mitteltafel

 

Hamburger Orgelsommer in der Hauptkirche St. Michaelis.

Willibald Guggenmos von der Kathedrale St. Gallen

spielt das Präludium in h BWV 544 von Johann Sebastian Bach.

 

(Hamburg, 12.8.2015)

 

Juli 2017

 

Hans Krech

 

Sternschnuppengewitterdisco

 

Auf den kleinen gemütlichen Wellen des Flusses

tanzen tausende Sonnenstrahlen

auf einer Sternschnuppengewitterdisco.

 

Versammelt,

um die blaugesichtige Elbe

in ein Diamantendiadem zu verwandeln,

eitel und stolz,

energiegeladen,

sonnengeboren.

 

All und Fluss

ineinander verwoben

zur vollkommenen Schönheit des Augenblicks.

 

Und dann vereinigen sich plötzlich

die hektisch tanzenden Sonnenstrahlen

zu einer gleissenden Spiegelfläche.

Zum letzten Tanz des Abends.

 

(Pfingstmontag, 5.6.2017 gegen 17 Uhr am Elbanleger Teufelsbrueck)

 

 

Juni 2017

 

Hans Krech

 

Triptychon mit Flugzeug

 

I. Linker Flügel: Alarm

 

Ein Cyberangriff lässt den Radiowecker

eine Stunde zu spät die Nacht beenden.

Es ist schon fünf Uhr.

Ich springe erschrocken aus dem Bett,

ziehe mich blitzschnell an

und renne mit dem Rollkoffer zur S-Bahn-Station Othmarschen.

Du hast mich im Traum vorgewarnt,

weißt wie immer alles besser,

schöne Freundin, die mein Herz erstürmt hat.

Deine braunen Augen sind die Flüchtlingsgrenzen meiner Träume.

Wenn du sagst "Püppi-Alarm",

dann renne ich und erreiche jedes Ziel.

Auch den Flug 6:55 Uhr mit Germanwings nach Wien.

 

II. Mittelflügel: Morgengruss in Flughöhe 6.000

 

Ein orangenfarbener Schleier ist im Auge der Morgensonne,

die sich im grauschwarzen Nebelmeer räkelt und

gähnend ihre ersten Strahlen in den Airbus A 319

hineinblinzelt,

aufmerksam beobachtet von dem blasser werdenden

schlafen gehenden riesigen Vollmond.

Tag und Nacht geben sich die Hand.

 

III. Rechter Flügel: Surfen im Walzer-Takt

 

Surfen auf dem weißen Nebelozean

auf dem schneeige Dünen wandern ins Nirgendwo.

Darüber zartblau lächelnd das Himmelszelt,

gefurcht von den Kondensstreifen-Autobahnen

der die Wien anfliegenden Flugzeuge.

 

Sockel des Mittelflügels

 

Flug mit Germanwings 6:55 Uhr bis 8:25 Uhr von Hamburg nach Wien.

 

(Geschrieben am 29.10.2015 an Bord) 

 

Mai 2017

 

Hans Krech

 

Science

 

Vom Sammeln und Ordnen des Wissens

führt der steinige Weg der Wissenschaft

über die Analyse zur Erkenntnis.

 

Wissenschaftliche Bildung

ist die höchste aller Tugenden

und im Informationszeitalter

die Hauptproduktivkraft eines jeden Landes.

 

Oxford ist das Tor Englands

in die Welt der Weisheit.

 

(Oxford, 10.8.2013) 

 

April 2017

 

Hans Krech

 

Rambo I

 

Ein Landstreicher

auf den Straßen -

nach dem Ende des Kalten Krieges.

 

Ein Elitesoldat

für die Freiheit und die Menschenrechte,

den alle fürchten.

Eine Kommunistenkillermaschine.

 

Mein Name ist Rambo,

John Rambo.

Ich komme zurück!

 

(Hamburg, 11.8.2002)

 

März 2017

 

Hans Krech

 

Fußball-Traum mit Britney

 

Das Anspiel von Marcel Jansen an der linken Aussenlinie

kommt hart wie immer.

Er knallt mir aus fünfzehn Metern den Ball in die Hacken.

Ich schreie vor Wut laut auf.

Der Ball prallt ab und ich muss im Grätschen nachsetzen,

damit er nicht vom Spielfeld rutscht.

Das lernt der Jansen nie, dass man die Bälle in den Raum

in Laufrichtung des Stürmers spielt.

Spielt und nicht knallt!

 

Vor mir bauen sich die Bremer Verteidiger Naldo und Clemens Fritz auf,

ich muss mich drehen, mache fünf Übersteiger mit Links,

dann spiele ich den Ball rechts vorbei, überlaufe sie links,

um dann mit Ball am Fuß einen Sprint über vierzig Meter hinweg

bis zum Bremer Strafraum anzuziehen,

die beiden Verteidiger immer direkt hinter mir.

Torhüter Wiese kommt aus dem Tor, stürzt auf mich zu,

fast zwei Meter groß und unglaublich massig.

Ich schlage einen Haken.

 

Und plötzlich durchfährt mich blitzartig ein Gedanke:

"Sie wird doch nicht rauchen?!" Britney weiß, wie ich das hasse.

Ich schaue im Sprint im Bremer Strafraum auf die Haupttribüne

und versuche unter den zehntausend Zuschauern

ihren blonden Schopf zu entdecken...

Hier bricht der Traum immer ab und ich weiß nie wie er ausgeht.

 

Träume geboren aus dem unergründlichen Universum unseres Ich,

in unser Bewusstsein drängend, sich oft wiederholend,

über Jahre hinweg.

Traumland - Träume.

 

(Hamburg, 30.8.2015)

 

Februar 2017

 

Hans Krech

 

Triptychon am Sonntag

 

     Für Lucas Cranach den Jüngeren (1515 - 1586)

 

I. Linker Flügel

 

4:35 Uhr beginnt die Platzamsel auf dem Dachfirst zu singen,

aus voller Kehle eine Arie

über den geheimnisvollen Sommergarten zu jubilieren,

über den auf der Wiese schlafenden Sennerhund,

um den selbst der Rasenmähroboter herumkurvt,

ein Mysterium,

über die dichte Hecke mit den vielen Räupchen,

die beiden haushohen Fichten,

hinter denen Sonne und Mond abwechselnd im Zenit stehen,

über die Kinderschaukel am Birkenbaum,

die quer über den Rasen gespannte Lichterkette.

 

II. Rechter Flügel

 

Zehn vor acht Uhr stehe ich in der Schlange

vor dem Bäcker "Dat Backhus" in der Waitzstraße an,

die vom Lockduft frischer Brötchen überschwemmt ist,

nach dem ich süchtig bin.

In den Vitrinen zwanzig Brot- und 15 Brötchensorten.

Und Cafe to go und Erdbeerkuchen und Croissants mit Marzipan.

Und Sonntagszeitungen mit Kreuzworträtseln - und Frieden.

Als die Vitrinen der Bäckereien im revolutionären Paris

Anfang Juli 1789 leer waren, stand das Volk auf.

Ich muss jeden Sonntag daran denken.

Und Frieden.

 

III. Mitteltafel

 

Auf der dicken silberfarbenen Lenkersäule des Ergometers

sehe ich das Spiegelbild meiner Beine,

die die Pedalen auf- und niedertreten

im harten Rhythmus des Trainings,

80 bis 100 Umdrehungen pro Minute,

eine unendliche wirbelnde Kraftmaschine,

brutal gegen das Computerprogramm ankämpfend,

steile Anfahrt auf den virtuellen Berg, steile Abfahrt,

steile Anfahrt auf den virtuellen Berg, steile Abfahrt - 15 km lang.

Und ich sehe, wie sich auf meinen Handrücken am Lenker

Schweißperlen bilden, die sich zu kleinen Pfützen schließen

und dann beginnt ein Tröpfchenregen auf den Fußboden

hinabzufallen, wo zwei Schweißseen wachsen.

Mein Sporttrikot ist pitschnass.

Endspurt mit 56 Stundenkilometern.

Der Computer wirft die Trainingszeit

für die tägliche Statistik im Trainingstagebuch aus.

 

Sockel der Mitteltafel

 

Und Duschen. Und Mittagsschlaf.

Und anbetend diesen Sonntag, jeden Sonntag.

Triptychon am Sonntag.

 

(Hamburg, Sonntag, 12.7.2015) 

 

Januar 2017

 

Hans Krech

 

Ein Januarabend in Blankenese

 

Weißer Christstern

im gotischen Türgewölbe

der Blankeneser Kirche

einer dunklen Januarnacht.

 

Mit seinen Zacken strahlend

in jede Himmelsrichtung

die Botschaft eines beginnenden

guten Jahres

auch in mein Herz.

 

(Blankenese, Sonntag, 8.1.2012)

 

Dezember 2016

 

Hans Krech

 

November-Blues

 

Auf grauer Leinwand

malt der Sonntag

still mit schwarzem Pinsel

den Garten aus.

 

Hohe Bäume recken ihre kahlen Äste

in den düsteren sonnenleeren Himmel,

gespenstische Tentakeln von Krakenmonstern,

die nach unserer Seele greifen.

 

Dauerregen klopft

an die Fensterscheiben,

singt das Herbstabschiedslied:

November-Blues.

 

(Hamburg-Othmarschen, Sonntag, 15.11.2015, nach 16 Uhr)

 

November 2016

 

Hans Krech

 

Halloween

 

Nachtschwarze Elbe

überschwemmt mit Nebelgeistern

feucht und kalt und gruselig die lichterglühende Hansestadt,

dimmt die eine Million Lampen Hamburgs herunter.

Aus dem Nebelmeer schreien 

grässliche grellbunte blutbeschmierte Fratzen

mit metallisch hallenden Stimmen.

Unheilvolles Jammern aus dem Vorhof der Hölle.

 

Und davor

glücklich lachende Kinder mit Lampions,

feiernd

ihren Halloween.

 

(Blankenese, 2.11.2014)

 

Oktober 2016

 

Hans Krech

 

Die Nacht, in der der Mond die Erde küsste

 

Auf golden strahlender Barke

surft die schönste Frau des Universums

über den nachtschwarzen Palmwipfeln,

schelmisch lachend,

eine Hand in den Ärmelkanal tauchend,

Strand und Häuser bespritzend.

Ihr Goldhaar ist ein langer

leuchtender Schweif am Firmament.

Und dann

beugt sich die Schöne übermütig herunter

und drückt ihre Lippen auf die Meinen.

 

(Bournemouth bei Vollmond, 23 July 2013, 21:50 Uhr)

 

September 2016

 

Hans Krech

 

Flut

 

Auf einer Million kleiner Wellen

wandert das weiße Licht der Abendsonne

querab über die Elbe,

eine magische leuchtende Brücke,

verbindend

das Airbus-Werk mit dem Schiffsanleger Teufelsbrück.

 

Eine sanfte frische Brise aus Nordwest,

die nach Nordseestrand duftet,

spielt auf dem Elbuferweg.

 

Eine Ente mit drei winzigen Küken

paddelt flussabwärts an meiner Bank vorbei,

ankämpfend gegen das auflaufende Wasser des Stromes,

der mit einem einhundert Kilometer langem Anlauf

von Cuxhaven kommend

in die Stadt hineindrückt.

 

Der nasse Kuss der Elbe mit dem Hamburger Hafen.

Vater und Mutter unserer Stadt

lebend im Rhythmus der Gezeiten.

 

(Samstag, 30.7.2016, Elbuferweg, 18:02 Uhr bei beginnender Flut)

 

August 2016

 

Hans Krech

 

Dom Europa

 

       Für Karl den Großen

 

Sonnenlicht gefiltert durch blaubunte turmhohe Kirchenfenster

bricht sich auf dem mattgoldenem Kaiserschrein

tief im Herzen der Apsis,

in dem die Gebeine

unseres Vaters ruhen,

der uns zeugte in Dekaden endloser Feldzüge

aus dem Blut der tapferen sächsischen Krieger,

den gefällten heiligen Eichen,

den erbarmungslosen Intrigen seiner Ahnen

zur Eroberung des Thrones der Merowinger.

 

All dies uns als Erblast

mitgebend durch zwölf dunkle Jahrhunderte,

manchmal den Traum eines geeinten friedlichen Europas

in der fernen Morgenröte erahnend

am Ende der alten Zeit.

 

(Dom zu Aachen, 21.4.2015)

 

Juli 2016

 

Hans Krech

 

Der letzte Schuss

 

Bürgerkrieg 1921.

Der weißgardistische Offizier

in Gefangenschaft der Bolschewiken

gefesselt unter Bewachung einer russischen Rotarmistin,

die schön ist wie eine Prinzessin aus Nowgorod,

mit birkenweißer Haut,

flachsblonden Zöpfen,

eismeerblauen Augen.

 

Am Baikal gefangen,

auf dem Weg zum Prozess, zur Erschießung,

verliebt in seine Bewacherin,

die letzte Liebe, die undenkbare Liebe,

die unentrinnbare Liebe.

 

Auch das Mädchen erliegt auf dem wochenlangen Marsch

der Liebe des Offiziers,

küsst seine Schulterstücke, seinen Mund

am Lagerfeuer am Baikal.

Oh herrlicher Baikal, oh herrliches Meer.

 

Gott ist groß!

Basmatschen folgen der Spur der Liebenden

zwischen den Bürgerkriegsfronten,

auf Kamelen, Gewehre schwingend, Turban tragend,

im Dschihad.

Sie stürmen das Lager, um den Gefangenen zu befreien,

sehen schon den freudenstrahlenden laut jubelnden Offizier,

den weißgardistischen Offizier mit den blinkenden Schulterstücken,

mit blondem Bart und stahlblauen Augen,

stolz, schon fast frei.

 

Da fällt ein Schuss.

Da fällt ein Schuss.

Da brechen die Augen des Offiziers.

Da stürzt er vornüber.

Da sinkt er hin.

 

Der letzte Schuss aus der Pistole der Rotarmistin,

bevor sie unter den Säbelhieben der Basmatschen

verblutend ins Wasser rollt.

Am Lagerfeuer.

Am Baikal.

Oh herrlicher Baikal, oh herrliches Meer.

 

Unter Verwendung der Novelle "Der letzte Schuss" des ukrainischen Schriftstellers Boris Lawrenjow (1891 - 1959)

 

(14.1.2006)

 

Juni 2016

 
Hans Krech
 
Victoria Coach Station
 
Vor dem Continental Departure Check-in am Gate 19
ewig anstehen in einer der beiden langen Warteschlangen.
Dann eine Stunde chillen am Gate 16,
als ein Molekül des pulsierenden Stromes
von zehntausend Menschen aus aller Welt,
der alle Winkel des Busbahnhofes belebt.
Geduldig, erwartungsfroh, ausdauernd
an diesem Sonntagabend beobachtend
die ununterbrochene Abfahrt der bunten Fernbusse.
Dann mein Doppeldecker-"Megabus" mit dem Ziel Köln über Dover,
mit der Fähre nach Calais nach Mitternacht,
im Morgengrauen dann Gent und Brüssel.
 
Oben im "Megabus" sitzend,
rollen wir nach 21 Uhr aus der gigantischen Halle hinaus in die Londoner Nacht,
sehe ich die Glitzerstadt vorbeigleiten,
die niemals schließenden Shops, 
den kaum nachlassenden Autoverkehr,
nur langsam und widerwillig loslassend den Goldenen Halbmond aus Sand,
meine Erinnerungen hinausschmuggelnd durch die Zollabfertigung in Dover,
unter den alles erahnenden wachsamen Blicken der englischen Zöllner und dem verstehenden müden Nicken der französischen Polizisten einige Schritte weiter.
 
Erst nach 2:45 Uhr fährt der Bus auf die Fähre "Pride of Canterbury",
parkt dann auf Deck 5 zusammen mit zwanzig weiteren Bussen.
Auf allen Gängen und Treppen schlafende Passagiere und spielende Kinder,
hinter den riesigen Panoramaglasscheiben ganz nah die Wellen des Kanals,
dahinter eine lichtschluckende unheimliche schwarze Kulisse.
In meinem Herzen haben sich Erinnerungen festgekrallt,
die schöne große Blondine in der Wartereihe am Gate vor mir,
der schwarzafrikanische Beamte am Self-Luggage,
der massige gebeugte Rücken von Churchill vor Big Ben,
der Cappuccino in dem kleinen Billig-Cafe auf Trafalgar Square
und mein Blick hinauf zum stolzen Admiral
hoch oben auf seiner Siegessäule im Londoner Regen.
Victoria Coach Station.
 
(Nacht vom 26./27.7.2015 unterwegs in Großbritannien, Frankreich, Belgien und Deutschland) 
 

Mai 2016

 

Hans Krech

 

Meer-Liebe

 

Die Farbe der Liebe ist Türkis

mit Schattierungen in Hellblau

und Dunkelgrün,

windbewegt, sonnengeküsst,

gesichert durch zwei Patrolboats

der Royal Navy in Sichtweite des Strandes.

 

Meine meergeborenen Wünsche

wandern auf unendlichen Wellenautobahnen

in Richtung Atlantik.

 

(Bournemouth, Boscombe Pier, 21 July 2015)

 

April 2016

 

Hans Krech

 

Triptychon Ode an die Freiheit

 

Gewidmet den Opfern der Terroranschläge in Brussels am 22.3.2016

 

I. Linker Flügel: Europäische Union - ein anderes Wort für Demokratie, soziale Sicherheit und wirtschaftlichen Aufstieg

 

Die blaue Insel der Glückseligen

im brandenden Ozean unserer Welt

wird von 28 goldenen Sternen überstrahlt.

Der Sehnsuchtsort für dreiviertel der Weltbevölkerung.

Die Freiheit wirft immer ein helles Licht.

 

II. Rechter Flügel: NATO - ein anderes Wort für Frieden

 

Blau ist der Kompass der Freiheit,

der Magnetpol der globalen Friedensbewegung.

Kein Frieden ohne Freiheit - 

Ein Motto, eine Warnung, ein Gesetz.

 

III. Haupttafel: Brussels - die Hauptstadt der Freiheit

 

Liebenswert, vielsprachig, bodenständig und multikulturell

ist das neue Rom,

wo alle europäischen Straßen und politischen Konzepte hinführen - 

Housing the heart of Europe.

 

Sockel der Haupttafel: Geschrieben bei einem Besuch im Hauptquartier der NATO und im Europäischen Parlament am 4.12.2015 in Brussels.

 

März 2016

 

Hans Krech

 

Orkan "Niklas"

 

Frühlingssturm heult um das Haus,

biegt die dreissig Meter hohen Fichten im Garten

wie gespannte Flitzebögen herum.

Dichter kalter Winterrestregen klatscht an die Fensterscheiben.

 

Aus den schwarzgrauen Wolken

sinkt ein fabrikneuer Airbus

im Landeanflug auf Finkenwerder herab,

unwirklich nah,

von heftigen Windböen hin- und hergeschaukelt,

wie ein flatternder Vogel.

 

(Hamburg, 31.3.2015, 17:30 Uhr)

 

Februar 2016

 

Hans Krech

 

Reunion

 

Hoch türmte der Ärmelkanal seine Wellen,

die sich freudig mit weißem Lachen überschlugen,

als ich sein Reich nach zweijähriger Abwesenheit betrat - 

den Goldenen Halbmond aus Sand

zwischen der Isle of Wight und Poole.

 

Sehnsuchtstränen aus grauen tief hängenden Wolken

fielen auf mich herab.

Kalter Wind koste mich frohlockend:

Back on the beach.

 

(Bournemouth, 21 July 2015)

 

Januar 2016

 

Hans Krech

 

Travelling home from Christmas

 

Im sanften Sinkflug landet die Dämmerung auf der Autobahn,

deckt alle bunten Farben mit ihrer grauschwarzen Schlafdecke ab,

herrschend über mit Rouladen und Stolle gefüllte schwere Bäuche

und geschenkesatte Seelen.

Die monotonen Bässe der Motoren des Postbusses

werden überlagert vom Coldplay-Gottesdienst in den Kopfhörern,

dem göttlichen Funken am Ausgang des Jahres.

"Viva la vida".

 

(26.12.2015, Rückfahrt von Halle/S. nach Hamburg mit dem Postbus)

 

Dezember 2015

 

Hans Krech

 

Triptychon mit Deutschland-Flagge

 

I. Linker Flügel: Die Nacht vor dem Fest, 2. Oktober 2015, Hotel "Angel", Moselstr., Frankfurt a.M.

 

Zu Füßen der illuminierten Banken-Türme,

die den deutschen Sternenhimmel tragen,

branden zehntausende Bürger vom Hauptbahnhof

zum Festgelände in die Innenstadt.

In der Kaiserstraße beginnt

eine Gegendemonstration linker Chaoten,

begleitet von Hundertschaften schwarz gekleideter Polizisten.

Sirenengeheul ist immer nah.

Ein Polizeihubschrauber kreist über dem Bahnhofsvorplatz.

 

II. Haupttafel: 25. Jahrestag der Deutschen Einheit, Zentraler Festplatz an der Alten Oper, 3. Oktober 2015, 10 Uhr bis 13 Uhr

 

Feiertagswetter umschmeichelt die Alte Oper,

singt die Europa-Hymne über die gelungene Deutsche Einheit,

erinnert an die Helden der friedlichen Revolution

vor mehr als einem Vierteljahrhundert - das Volk!

 

III. Rechter Flügel: Mehr Konfrontation als Einheit, Zentraler Festplatz an der Alten Oper, 3. Oktober 2015, 10 Uhr bis 13 Uhr

 

Linksradikale Giftschlangen speien ihren Hass

in die Bürgerversammlung: "Nie wieder Deutschland!"

Rechtsradikale Nattern züngeln: "Gauck muss weg! Merkel muss weg!

Wiedervereinigung mit Polen!"

Extremistische Plakate, Banner und Flugblätter

beschmutzen die Seele des Festes.

 

Sockel der Haupttafel

 

Die Geschichte sitzt gelassen in der ersten Reihe:

Die Phalanx der mutigen Bürgerrechtler,

Hans-Dietrich Genscher - der Architekt der Einheit

und die 28 Mitgliedsstaaten in unserem

wunderbaren vereinigten Europa.

 

(Frankfurt a.M., 2./3.10.2015)

 

November 2015

 

Hans Krech

 

Mars attack

 

Über das sonnengerötete tiefgefurchte Gesicht

des kleinen kalten Bruders unserer Erde

rinnen salzige Schweißtränen.

 

In einem Sandsturm verborgen

schürt er das Feuer des Krieges in der Levante

und im Zweistromland,

pfeift durch die Ruinen der ermordeten Städte

und treibt Millionen verzweifelter Menschen

in die Flucht

über das menschenverschlingende Mittelmeer

ins goldglänzende stöhnende Europa.

 

(geschrieben am 29.9.2015 gegen 8:50 Uhr im HKX von Hamburg nach Köln)

 

Oktober 2015

 

Hans Krech

 

Wir sind das Volk

Das Glaubensbekenntnis der Bürgerrechtler

 

Wir kommen vom Anfang der Zeit,

kämpfend für die Freiheit der Menschheit.

Geboren von der Mutter Sonne

aus dem Himmelsblau.

Unsere Geburtsnamen sind:

Stahl, Adler, Tiger, Wolf.

 

Lebend in den Herzen des arbeitenden Volkes.

Gequält, geschlagen, unterdrückt

durch die Jahrtausende.

 

Lebend in den Träumen aller Menschen

jede Nacht, in jedem Land, in jedem Haus.

Als die letzte Hoffnung auf unserer Erde

für soziale Gerechtigkeit,

Freiheit und die Ausrottung aller Kriege.

Die einzige Hoffnung.

 

September 2015

 

Hans Krech

 

Die Ritter der Tafelrunde

 

Rund ist der Tisch,

an dem sich die Minister,

Berater und engsten Freunde

des Präsidenten

versammeln,

um den offenen Ausbruch des Dritten Weltkrieges

durch die Cuba-Krise zu verhindern.

 

JFK´s tableround.

 

(Winchester, 25.7.2015)

 

August 2015

 

Hans Krech

 

Bath Abbey

 

Eine magische Stimmung steigt auf

aus dem ockergelben Sandstein,

der sich zu gotischen Giebelfenstern biegt,

die wuchtige Kulisse bildend

für den Ort,

an dem England ein Staat wurde.

 

Zusammengefügt

aus den Ruinen des Römischen Imperiums,

den vom never-give-up-König Alfred

vereinigten sächsischen Königreichen

und der Meerliebe, dem Wagemut und dem Geschäftssinn

der Wikinger.

 

Eine mächtige Verbindung

von herausragenden Eigenschaften

einer aufsteigenden neuen Nation,

durchwoben mit der keltischen Arthus-Legende,

dem alles zum Leben erweckenden Zauberspruch Merlins

aus einer Welt voller Höflichkeit und Ritterlichkeit.

 

Das alles hineingeschmiedet

in die goldene Krone,

die Edgar 973 in Bath Abbey kniend empfing.

 

Nie wieder kniete danach ein englischer König,

der noch sein Schwert führen konnte.

 

(Bath, 25.7.2015)

 

Juli 2015

 

Hans Krech

 

Tor!

 

Weißer Nachtnebel

wird aus den mecklenburgischen Wiesenporen gedrückt,

steigt auf,

kriecht auf das grauschwarze Asphaltband der Autobahn

auf dem ein leuchtend grüner "MeinFernbus"

gerade die Schwelle zur Nacht überrollt.

 

Regen klatscht an die Frontscheibe,

Sturm stupst den Bus übermütig an, der leicht wankt,

in dem dreißig Hamburger von Berlin-Alexanderplatz

auf dem Weg zum ZOB am Hamburger Hauptbahnhof reisen,

gebannt der Live-Radioübertragung lauschend,

die die monotonen Motorengeräusche des Busses überlagert.

 

Dann das Tor kurz vor Spielende, endlich,

das im Relegationsspiel des HSV im Volkspark-Stadion

dem Dino das Leben rettet,

vorerst, hoffentlich,

jedenfalls bis zum Rückspiel am Montag.

Ein spontaner Jubelschrei der Fahrgäste entlädt sich wie ein Blitz:

"Wir sind alle Hamburger Jungs!"

 

("MeinFernbus" Linie 070 am 28.5.2015 18:50 Uhr - 22:20 Uhr von Berlin-Alexanderplatz zum ZOB am Hamburger Hauptbahnhof)

 

Juni 2015

 

Hans Krech

 

Born to run II

 

Rosa Blütenteppich schwimmt auf kalten Pfützen,

eisiger Morgenregen perlt vom Maigrün,

weiße, rote, gelbe Tulpen, blaue Narzissen

am linken Rand meiner Sprintstrecke in der Reventlowstraße,

60 Meter, auf denen ich mich in den Morgen katapultiere,

in den grauen Sonntagshimmel,

den Ball immer am linken Fuß,

ein Sprint in die göttliche Dimension der menschlichen Existenz,

das Leistungsmaximum

von Lunge, Herz, Muskeln, Beinen und stählernem Willen

vereinend in einem Sieben-Sekunden-Vulkanausbruch-Finish.

 

Und dann schreie ich meinen Triumph über Othmarschen,

über die Elbe, über den Hafen, über die Stadt!

 

Und dann brülle ich meinen Sieg in die Herzen der Hamburger,

in dein Herz, wo er weiterlebt, in dir glimmt

und an manchen trüben Tagen auflodert,

der Schrei, der Siegschrei!

Und dann wirst du deine Laufschuhe herausholen,

Hamburgs kühle Seeluft in deine Lungen pumpen

und du wirst laufen,

laufen bis ans Ende deiner Zeit.

 

Willkommen Schwester! Willkommen Bruder!

Unser gemeinsamer Weg ist noch lang!

Born to run!

 

(Hamburg, 10.5.2015)

 

Mai 2015

 

Hans Krech

 

Kreuzritter

 

Ich war auf Kreuzzug.

Das bekenne ich. Stolz.

Mit Ronald Reagan

in dunkler Nacht hinterm Eisernen Vorhang,

der teilte Ost und West,

KZ und Gleichgültigkeit.

 

Kein Gott! Nirgends!

 

(Hamburg, 5.5.2002)

 

April 2015

 

Hans Krech

 

Venus im Park

 

    Für Vanessa

 

Im grünen Herzen des Parks,

wo alle Wege beginnen und enden,

ein kühler Brunnen entspringt

aus tiefem Gestein,

Lerchen und Amseln singen

und nachts der Uhu streicht

von uralten Buchen und Eichen,

da steht marmorblass und bloss

eine schöne Frau.

 

Seit Jahrhunderten

wird ihr wunderbarer Körper gebadet vom Sommerregen,

beleuchtet mit Blitzen und Vollmondliedern,

gekleidet mit Dezemberschnee.

Ein Diadem aus Moosstückchen im langen Haar.

Liebespaare geben sich zu ihren Füßen

den ersten Kuss.

Und milde lächelt die Schöne vom Sockel ihres Ruhms.

 

(Hamburg, 5.5.2011)

 

März 2015

 

Hans Krech

 

Villa Heine

 

Die märzkühle Morgensonne

ist die Strahlenkrone

über der weißen Villa am Elbufer,

in der aus dem kalten Herzen der schönen Amalie

und der abgrundtiefen Verzweiflung des jungen Dichters

das "Buch der Lieder" geboren wurde,

die Bibel aller Liebenden.

 

(Hamburg, Villa Heine, 2.3.2014)

 

Februar 2015

 

Hans Krech

 

Extremsportler

 

Im Zwielicht von Teufelsbrück

auf dem Elbuferweg in Richtung Altonaer Hafen laufen,

mitten hinein in die alpengroß auf Hafen und Stadt

lümmelnde rote Morgensonne,

die langsam aufwacht, sich streckt und gähnt,

heller wird, fast weiß,

und ihren Walkürenritt über das Himmelszelt beginnt.

Und ich bin mittendrin, laufend, schreiend vor Glück,

Kilometer fressend:

 

48.500 km mit Ball gelaufen,

467 Tore in fünf Stunden erzielt.

1.000 Situps in 50 Minuten.

13.250 Liegestütze im Jahr.

 

Und zur Belohnung gibt es:

Wasser, Müsli,

Nudeln und Protein-Shake.

 

(Hamburg, 28.4.2013)

 

Januar 2015

 

Hans Krech

 

Trafalgar Square

 

Himmelhoch, entrückt in die Sphären des Pantheons,

thront Admiral Horatio Nelson über Trafalgar Square,

wo alle Straßen Londons sich in einem roundabout treffen

und Millionen Autos und tausende roter Doppeldeckerbusse

ihn täglich umkurven,

eine nie endende Parade einer dankbaren Nation,

ehrend ihren größten Seehelden.

Und der Admiral,

der seine entscheidende Schlacht gewann

und sein Leben dabei verlor,

blickt forsch in Richtung Westminster.

Seine Botschaft ist knapp: "Sieg!"

 

(London, 20 July 2013)

 

Dezember 2014

 

Hans Krech

 

Sledge Hammer

 

Niedergedrückt von den verlorenen Siegen

der vergangenen zwölf Monate,

empfange ich auf den Knien

die Verheißungen des neuen Jahres:

seinen Reichtum, seine Gesundheit,

sein Glück, seine Küsse,

seine schönen Mädchen.

 

Dann stehe ich auf

und schmiede das Jahr

nach meinem Willen.

 

(Hamburg, 1.1.2014)

 

November 2014

 

Hans Krech

 

Als ich fortging

 

Als ich fortging,

war das Land grau vom Kohlenruß auf allen Häusern,

die Dächer waren löchrig

und der Regen lebte in den Wohnungen der Bürger.

Die Flüsse waren durch Chemieabwässer ermordet worden

die zwanzig Zentimeter hohe giftige Schaumberge bildeten.

 

Als ich fortging,

waren die Kasernen überfüllt mit sowjetischen Kolonialsoldaten,

über die Felder wurden Panzerstraßen in Richtung Westen gebaut.

Ich kannte viele der Gesichter der Stasi-Agenten,

die mich rund-um-die-Uhr auf Schritt und Tritt begleiteten.

 

Als ich fortging,

war ich ein stolzer schwarzer Bürgerrechtler mit einem Ersatzausweis,

seit Jahren arbeitslos, gedemütigt, überwacht,

mit einer unerbittlichen Freiheitssehnsucht im Herzen.

Die Freiheit wirft immer ein helles Licht!

 

Als ich fortging, starb das Land.

 

(Das Lied "Als ich fortging" der Gruppe Karussell aus dem Jahr 1987 war die heimliche Hymne der Ausreisebewegung in der Endphase der DDR.

geschrieben am Tag der Europa-Wahl, 25.5.2014)

 

Oktober 2014

 

Hans Krech

 

L´ete Indien

 

Goldener Zauberstrahl der Spätherbstsonne

auf Milliarden fallender Blätter,

kunterbuntes Tagebuch eines großen Sommers,

geheimnisvoll umhüllt von zarten Spinnweben,

in denen der Abendnebel rastet.

 

(Hamburg, 13.10.2013, gegen 18 Uhr)

 

September 2014

 

Hans Krech

 

Farewell

 

Lebt wohl goldener Halbmond aus Sand

und die Unendlichkeit

der türkisgrünen Wellen des Ärmelkanals.

Die weißen Kreidefelsen

der Isle of Whight winken mir

Abschied nehmend hinterher.

 

 

(Bournemouth, 10.8.2013)

 

August 2014

 

Hans Krech

 

Sommer - Urlaub

 

Grauer Himmel, greifbar nah,

Hand in Hand

mit dunkelgrünen Wogen

auf deren Brechern begeisterte Surfer dahinjagen,

jubilierend über diesen einen Tag,

an dem der Sommer am Kanal

Urlaub genommen hat.

 

Auf der Isle of Whight

liegt eine Wolkentarnkappe.

Leer ist der goldene Halbmond aus Sand.

Leer sind die Tische im "The Overstrand".

Die Ice Cream-Shops sind geschlossen,

die bunten Badehäuschen verrammelt.

Die Life Guards tragen dicke rote Overalls

und schauen durch dunkle Sonnenbrillen ins Nichts.

 

Warten auf Bournemouth D-Day:

Die Rückkehr des Sommers

und die Invasion der Badegäste.

 

(Bournemouth, Boscombe Pier, 31.7.2013) 

 

Juli 2014

 

Hans Krech

 

Bournemouth Heat

 

Eine aus dem Cyberspace gefallene Mondsichel in 3D

aus endlosen Sandstränden,

verfestigt durch weiße Kreidefelsen,

sich empfängnisbereit öffnend hin zum Ärmelkanal,

gestreichelt von sanften Wellen,

aufgeheizt von einhundert Milliarden Sonnenstrahlen,

gebärend den heißesten Sommer seit Menschengedenken.

 

(Bournemouth, Boscombe Pier 19 July 2013)

 

Juni 2014

 

Hans Krech

 

Roots of England

 

   Dedicated to "The first king and founder of the nation"

   Alfred the Great, King of Wessex (848 or 849 - 899)

 

Alles auf dieser Welt

hat einen Anfang und ein Ende.

Englands Entbindungsstation ist Winchester.

Stolz ist der Blick König Alfreds

geradeaus gerichtet,

wartend auf die nächste Schlacht,

die er vielleicht wieder nicht gewinnen wird.

Doch er kämpft,

unermüdlich und unerbittlich,

reißt so

die anderen sächsischen Königreiche mit sich,

bildet einen ersten Staatenbund,

aus dem England erwachsen wird.

 

(Winchester, 8 August 2013)

 

Mai 2014

 

Hans Krech

 

Cromwells Entrance

    

               Für Oliver Cromwell

 

Eine Warnung an alle Regierenden

sich an Recht und Gesetz zu halten

und immer für das Wohl des Volkes zu wirken

ist Cromwells Entrance in Westminster.

 

Die Old Ironsides

leben im Volk weiter.

Ihre Schwerter rosten nie.

 

(Bournemouth, 4.8.2013)

 

April 2014

 

Hans Krech

 

Gebet

 

"Oh Herr, mein Gott, warum hast du mich verlassen!",

schreit der Gekreuzigte auf Golgatha,

wimmert das verhungernde Kind im somalischen Baidoa,

röchelt der von einer russischen Mine zerfetzte UNITA-Kämpfer in Angola,

weint der in einem chinesischen Gefängnis angekettete Bürgerrechtler,

betet der afghanische Mudjahedin.

 

(5.5.2002)

 

März 2014

 

Hans Krech

 

Born to run

 

Der Rhythmus der Wellen ist in mir,

die Stetigkeit des Windes,

das Feuer aus dem Innern der Erde,

die Energie der Mutter Sonne.

 

In einem früheren Leben

war ich ein Husky,

unermüdlich rennend

auf endlosen Schneepisten

in Alaskas Eiswüsten,

born to run.

 

(Bournemouth, Beach, 31.7.2013) 

 

Februar 2014

 

Hans Krech

 

Traitors Gate

  

      Für Sir Thomas More

 

Angeklagt und verhaftet in Westminster,

im Boot die Themse hinauf gerudert,

durch Traitors Gate in den Tower gebracht,

ohne Hoffnung auf Rückkehr.

 

Nach wochenlangen Verhören

wird der zerbrochene Körper

auf den Tower Hill geführt

und die Seele abgehackt.

 

Doch der große Traum des Thomas More

lebt weiter in der "Utopia",

der Traum

von einer gerechten Gesellschaft freier Bürger,

die kommen wird am Ende aller Zeit.

 

(Tower of London, 3.8.2013)

 

Januar 2014

 

Hans Krech

 

Lionheart

 

   Für König Richard Lionheart

   (1157 - 1199)

 

Niemals aufgeben,

immer in der ersten Reihe kämpfen,

jede Gefahr bestehen,

immer der Klügste und der Stärkste sein,

das Herz eines Löwen in der Brust tragend.

 

(Bournemouth, 4.8.2013)

 

Dezember 2013

 

Hans Krech

 

Globales Denken

 

         Für Winston Churchill

 

Ratsuchend Auge in Auge

mit Winston Churchill:

 

Die im Ersten Weltkrieg mit Öl befeuerte Royal Navy

ist darin zu sehen,

die liberalen Sozialgesetze der 1920er Jahre,

War Rooms und viele Bomber,

D-Day und "Overlord",

die Fulton-Rede von 1946,

in der er den Kalten Krieg ausrief,

als erster westlicher Politiker warnend

vor den Welteroberungsplänen

der kommunistischen Sowjetunion.

 

Sein Rat an mich lautet:

"Keep calm

and carry on."

 

(London, 20.7.2013)

 

November 2013

 

Hans Krech

 

TRANSFORMATION

 

Novembergrau

getupft mit fahlgelben Blättern,

kalte Nebelschwaden

in dunklen Morgen gebärend,

die träge auf dem Land liegen.

Noch Herbst und fast schon Winter.

 

(16.11.2012)

 

Oktober 2013

 

Hans Krech

 

Die Erfindung der Zeit

 

Einhundert Generationen von Druiden

beobachteten die Wanderungen

von Sonne und Mond am Firmament

im Zusammenhang

mit der Sommer- und der Wintersonnenwende.

Sie entdeckten das Jahr

und erfanden die Zeit.

 

Und dann

verschlossen sie ihr Wissen

in magischen Kreisen gewaltiger Steinblöcke

mit ihren schauerlichsten Zaubersprüchen

für weitere einhundert Generationen.

Wissen ist Macht!

 

(Stonehenge, 25.7.2013)

 

September 2013

 

Hans Krech

 

Searching the end of the world

 

         In memory of Captain James Cook

         (1728 - 1779)

 

HMS Resolution is sailing

searching the end of the world

thousands of seamiles through unknown waters

in the Southern Pacific,

endless, without frontiers,

discovering new islands, peoples

and continents.

 

Sailing now into deep space,

searching the end of the universe

billions of lightyears from Earth,

Captain James Cook is teaching us again.

 

(written on 20 July 2013, Memorial James Cook, The Mall, London)



August 2013

 

Hans Krech

 

Wiedersehen

 

für Heike

 

tausende menschen auf dem boulevard

graue wolken darüber geschoben

lauernde sonnenstrahlen durchdringen den dunst

in der ferne zucken blitze, rollt der donner

dann

als erste regentropfen zerstäuben auf aalglatten schaufensterscheiben

ein meer von schirmen sich entfaltet zur bunten pracht

passanten in geschäfte flüchten

kinder über pfützen springen

da ist mir´s, als ob ich dich sehen würde

strahlend blond dein haar

leuchtend blau die augen - so sehe ich dich

die einst geliebte

und wir grüßen uns nickend im warmen sommerregen

und wir gehen stumm aneinander vorbei

 

(Halle, August 1977)

 

Juli 2013

 

Hans Krech

 

Maria

 

Atmend die Luft des Erwachsenwerdens

Spürend die wachsende Kraft, den Übermut der Jugend

Lernend am Francke-Gymnasium Mathe, Goethe und Newton

Liebend das erste Mädchen des Lebens

Maria.

 

Liebend schwarze Augen voller Neugier und Fragen

Liebend schwarze lange Haare im Pferdeschwanz gebändigt

Liebend feste Hände in den Meinen

Liebend knospende Brüste

Maria, Maria.

 

Ein vierzehnjähriges Mädchen,

das niemals schöner sein wird als in jenem Moment

des ersten Kusses in einer kalten Frühlingsnacht

unter einem Straßenbäumchen in der südlichen Leninallee,

so fern, so nah, so allgegenwärtig,

mit sanftem Ziehen in meinem Herzen, heute immer noch.

Maria, Maria, Maria.

 

(2.4.2000, Immenbusch 9, Hamburg)

 



Juni 2013

 

Hans Krech

 

Sylt

 

Windsurferwellen,

trübe vom aufgewirbelten Sand,

belagern die Insel,

die zu ihrer Verteidigung aufgeboten hat:

 

am Strand eifrig schippende Kinder,

verbissen Ball spielende Jungs,

ausdauernd badende Familien,

das junge Mädchen mit knospenden Brüsten,

das sich vor meinen Augen umzieht,

blauweiße Strandkörbe zuhauf,

die mich beobachtende hungrige Möwe,

aufmerksame Bademeister auf ihren Wachtürmen.

 

(Sylt, 29.7.2012, 15.00 Uhr)



 

Mai 2013

 

Hans Krech

 

Sehnsucht nach Sylt

 

Im sonntäglichen Morgengrauen in Altona

in die NOB in Richtung Norden steigen.

Im Waggon schöne partysatte blonde Mädchen,

die die ganze Nacht in Hamburg durchtanzt haben,

in sich noch den Lichterglanz der Metropole

und sehr viel Wodka mit einem Schuss Cola.

 

Fahren durch grünes flaches Land,

grüner, als alle Vorstellungen von grün,

flacher, als alle Vorstellungen von flach,

dazwischen Kanäle und Flüsschen

und der Nord-Ostsee-Kanal

als Wegscheide zwischen

Festland und Küstenland.

 

Endlich die See

beiderseits des Hindenburg-Damms,

noch gezähmt und gesittet.

Dann der Bahnhof Westerland.

Davor Sturmriesen.

Darüber schreiende Möwen

und der Sirenenduft des Meeres,

der auch manchmal über Hamburg liegt.

Dieser Duft nach Sand, salzigen Wellen,

Algen, Muscheln, Schweinswalen in Strandesnähe,

dieser Duft von Fischbrötchen und Cappuccino

und Bier und Eiscafe

und Sonnencreme und nassen Badesachen.

 

Nordseewellen,

die heranwandern von der gegenüberliegenden

englischen Küste,

beäugt von Katzenhaien, Krabben, Millionen Heringen,

Ölplattformen und Windparks.

 

Da draußen bin ich geboren,

irgendwo in den Untiefen der Nordsee,

als Robbe, als Schweinswal vielleicht,

in einem anderen Leben,

das immer noch in mir ist

und mich ruft in Tag- und in Nachtträumen:

Sehnsucht nach Sylt.

 

(18.4.2013)

 

April 2013

 

Hans Krech

 

St. Georg on Crossroads

 

Sie lag noch nie unten,

Amerikas berühmteste Jungfrau.

Die Welt zittert mit ihr,

dass es bald geschieht.

 

Tanzend die goldene Jungfrau in der Color Line Arena

mit wogendem Marilyn-Busen

in der Laser-Zauber-Show der Onyx-Hotel-Tour.

Kreischende Mädchenhorden, trampelnd mit den Füßen

als imperialistischer Schutzwall davor.

 

Gespalten ihr Schoß

vom Lanzenstoß des Ritters

auf der Suche nach dem Heiligen Gral.

Aufgebrochen von König Arthurs Hof

zu beenden der Menschheit Qual.

 

Ihr erster Frauenschrei wuchs an zum Gebet:

"Oups, do it again!"

Während er, der jede Herausforderung besteht,

erhebend sein vom Volk mit Lorbeer umkränztes Haupt,

in güldener Rüstung entschlossen ostwärts schaut.

 

Der Winterschlacht

im fernen Sibirien entgegen.

Zu töten den letzten mandschurischen Drachen.

 

Onyx Hotel Tour von Britney Spears

15.5.2004, Color Line Arena in Hamburg

 

März 2013

 

Hans Krech

 

Ich weinte

 

Ich weinte

im UCI-Kino in Hamburg-Othmarschen

im Herzschlag vereint mit Muhammad Ali

als Malcolm X erschossen wurde.

 

Seitdem weinte ich niemals wieder.

 

(31.3.2007)

 

Februar 2013

 

Hans Krech

 

Venezianische Masken

 

Bunte Katzen- und Vogelmasken,

das halbe Gesicht bedeckend,

umtanzen mich

in einer Pizzeria gegenüber dem Hotel Eden.

Die Masken, die Napoleon verbot,

um die Revolution zu verhindern.

 

Ich reihe mich ein in den Reigen

der Narren und der Revolutionäre.

 

(Venezia 16.11.2012)

 

Januar 2013

 

Hans Krech

 

Marco Polo

 

Einer meiner Lehrer

wurde 1254 im venezianischen Cannaregio geboren.

Ich kenne ihn seit Jahrhunderten.

Er lehrte mich das Reisen auf der Seidenstraße

von Europa

über das Dach der Welt

hin zum Pazifik.

 

(Venezia - Cannaregio 2357, 16.11.2012)

 

Dezember 2012

 

 

Hans Krech

 

La Bella oder Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

 

Alpenhoch sind deine Brüste,

deren tiefes Tal ich am Brenner durchquerte.

Dein marmorner Körper wurde eintausend Jahre lang modelliert

von Generationen römischer Bildhauer.

Das Aqua alta deines Schoßes stillt meine Sehnsucht.

Dein Po ist eine Landschaft.

Auf deinen sizilianischen High Heels steht Europa.

Tizianrot sind deine Lippen,

Geliebte,

die ich küsse auf der Piazza San Marco.

Einen goldenen Ring werfe ich in die Lagune,

mich mit dir verlobend,

als der Doge deines Herzens.

 

(17.11.2012 Cafe Florian, Piazza San Marco, Venezia)



 

 

November 2012

 

Hans Krech

 

Skagerrak

 

Die Weißlichtsonne hat ihre Segel gesetzt,

Wolken gebläht vom Nordseesturm

treiben über eine hellblaue Leinwand

nordwärts über den Skagerrak,

norwegische Fjorde mit dänischen Inseln verbindend.

 

Schwarzgrün ist die ozeanische Landstraße

hin zur am Rande der Weltmeere wartenden Ostsee.

Nach salzigem Atlantikwasser ruft sie,

nach Orkanen, die sie umpflügen,

nach Schweinswalen und Robben

und Heringen und Schiffen,

die auf ihren Wellen Rock´n Roll tanzen.

 

Skagerrak - das seit 1990 offene Tor

der Ostsee zur Welt.

Stürmische Zeiten,

damals wie heute.

 

(30.6.2012 18.30 Uhr bei Sturm auf dem Heck der "Color Magic" im Skagerrak)



 

Oktober 2012

 

Hans Krech

 

Morgensonne

 

Kühle Frische im Park.

Die Luft schmeckt nach gemähtem Rasen.

Wassertropfen des nächtlichen Regens

verdampfen auf den Blättern der Kastanienbäume.

Schwarze Kaiser reiten

um das in weißem Marmor schimmernde Denkmal Mozarts herum.

Morgensonne im Hofburggarten.

 

(Wien, 7.9.2012, 7.00 Uhr im Garten der Hofburg)

 

September 2012

 

Hans Krech

 

Cuba libre

 

Tschetscheniengrün ist

die Saragossasee

am Tag unserer Ankunft

in der Sierra Maestra.

 

 

August 2012

 

Hans Krech

 

Tortuga

 

Für Charlotte

 

Wind in den Segeln,

Gischt springt am Bug,

Steuermann schreit,

Kanonen bellen,

Affe lacht,

Smutje hinkt.

Käptn befiehlt der Geisel:

"Zeit zum Aussteigen, schönes Mädchen!

Heute Abend speist du nackt mit der Mannschaft!"

 

Juli 2012

 

Hans Krech

 

Achilles

 

Halb Gott, halb Mensch

und doch sterblich,

Sieger über Hector vor den Toren Trojas

im ersten welthistorischen Zweikampf

in der Geschichte unseres Kontinents,

liegt Achilles seit 3300 Jahren

zu Füßen des Ida-Gebirges

in seinem Grab am Gestade der Ägäis,

wo unser Europa geboren wurde.

 

The best warrior ever born.

 

Und die größten Könige und Helden

beteten seitdem an dem Grab,

hoffend auf seinen Ruhm.

 

(3.4.2012 Troja) 

 

  

Juni 2012

 

Hans Krech

 

Wo Weltfrieden gelehrt wird

 

           Für General Henning von Tresckow

 

Ein Bein in Blankenese,

ein Bein in Osdorf,

steht die "Kleine UNO"

in den Elbvororten -

die Führungsakademie der Bundeswehr.

 

Grauberockt,

silber- und goldbetresst,

abhörsicher,

hinter hohen Metallzäunen versteckt.

 

Vielsprachiges Babylon,

multikulturell wie New York,

mit den spannendsten nicht-öffentlichen Hörsälen

des ganzen Landes.

Wo Weltfrieden gelehrt wird.

 

 

Mai 2012

 

Hans Krech

 

Helgoland

 

Die See in der Deutschen Bucht ist so grau

wie die tief hängenden Wolkenmeere

die am Horizont zu Nordseegrau miteinander verschmelzen.

Kalte Wellen unten und oben,

umhüllend den Katamaran "Halunder Jet",

der mit 36 Knoten nordwärts prescht,

der Hochseeinsel Helgoland entgegen.

In mir U-Boots-Stille und ein Periskop-Rundumblick

auf Lachsbrötchen und Cappuccino.

 

Rote hohe Kalksteinfelsen trotzend der graublauen See,

von grünem kurzgeschorenem Rasen überzogen,

umkränzt von weißen Sandstränden.

Tausende Touristen dicht gedrängt auf dem kleinen Rundweg,

der mit roten Klinkern befestigt

alle zwanzig Meter am Wegesrand stolz eine Schautafel vorweist.

Hunderte Duty-Free-Shops und Fischrestaurants Schulter an Schulter,

im Hafen ein Dutzend Ausflugsdampfer aus Hamburg und Bremen.

 

Unser 1990 wiedervereinigtes Deutschland wurde hier

1841 in den Versen Heinrich Hoffmann von Fallerslebens geboren:

"Einigkeit und Recht und Freiheit

für das deutsche Vaterland!"

Das deutsche Freiheitslied haben wir im kommunistischen KZ DDR

heimlich leise gesungen,

unser Schlachtruf im antikommunistischen Widerstandskampf.

"Einigkeit und Recht und Freiheit

für das deutsche Vaterland!"

Das ist Helgoland.

 

 

April 2012

 

Hans Krech

 

Sommerlied im Garten

(Botanischer Garten, Hamburg)

 

Rosenduft überschwemmt den Garten,

schilfgesäumte Teiche mit wegspringenden Fröschlein,

in denen sich das Grau tief hängender Wolken spiegelt

und ein auffrischender Wind verspielt tanzt.

 

Lächelnd öffnen sich tausend mal tausend bunte Blüten

den Pollen sammelnden emsigen Bienen und Hummeln,

sommersonnenprall, lebensfroh und stark,

um das Geheimnis ihrer Schönheit weiterzugeben an das nächste Jahr.

 

(Pfingstmontag, 9.6.2003)

 

März 2012

 

Hans Krech

 

Tiger

 

Graue schaukelnde Elefantenköpfe, die Rüssel bettelnd über die Gräben hinüberstreckend im Elefanten-Haus. In den Freigehegen daneben die jungen Elefanten übend den Alltag des Erwachsenendaseins, mit kleinen schaukelnden Köpfen, bettelnd uns entgegengestreckten Rüsseln, monotoner Rhythmus des sicheren Überlebens in der Arche Noah Hagenbeck.

 

Direkt vor der weißen Frühlingssonne steht ein drei Meter hoher T-Rex, König einer untergegangenen Welt. Sein Schrei, der einst die Welt erzittern ließ, in Stein erstarrt. Zu seinen Füßen die Beute angstvoll versteinert wartend auf den Augenblick, an dem alles weitergeht, die Jagd, der sichere Tod, noch aussehend wie ein Dinosaurier, aber in Wirklichkeit schon warmes dampfendes blutendes Fleisch im T-Rex-Maul.

 

Sibirische Tiger dösend im braunschwarz gestreiftem Kampfanzug in einer Ecke des Geheges liegend, der Theaterkulisse der Taiga, Requisiten, ein Kinderspielplatz. Sobald sie die Augen schließen immer noch in ihren Träumen endlose Wälder, rauschende Baumwipfel, eisiges Quellwasser, schneeüberladene Winter und dann dieser Sprung aus dem Nichts an die Kehle des Hirsches. Dieser Sprung in die Freiheit.

 

Gelb sind die Augen des Kaimans im Troparium, darin ein senkrechter Sehschlitz, die Augen eines deutschen Generals. Solche Augen haben nur wir. Wendig und schnell schwimmt der Kaiman an die Panzerglasscheibe heran, als er mich sieht. Auge in Auge, ein Bann für Sekundenbruchteile, die Panzerglasscheibe durchbrechend.

 

Rosarote Flamingowolke keifend wie alte gehässige Weiber, steht im knöcheltiefen Wasser des großen Sees vor der "Flamingo Lodge", an deren Zelten kalter Frühlingswind zerrt. Derweil ich Scholle mit Kartoffelsalat, Apfelstrudel mit Sahne und Eis und zwei Cappuccino genieße, Mittagsfütterung des Tigers auf zwei Beinen.

 

Karfreitag 2003

 

 

Februar 2012

 

Hans Krech

 

Matchball

 

Australian Open

Rod-Laver-Arena

22. Januar 2012

 

Blaue Augen in Schießscharten

messen die Entfernung zum Ziel aus,

ein magischer Blick, bannend,

brennt tief hinein

in die Seelen von Millionen TV-Zuschauern.

Da lauert eine Löwin,

sprungbereit

mit angespannten Muskeln,

leise fauchend.

 

Dann der Aufschlag der Gegenspielerin.

Gelber Filzball rast über das Netz.

 

Blonder Zopf fliegt.

Rotes Tenniskleid glüht.

Schönes starkes Mädchen springt.

Arm wirbelt mit dem Schläger,

schmettert den Return.

Matchball Caroline Wozniacki.

 

 

Januar 2012

 

Hans Krech

 

OPK "Faust"

 

Genosse Minister,

der Bürger Goethe in Weimar

hat einen Pakt mit dem Teufel

"Kapitalismus" geschlossen,

um den angeblichen Ursprung

allen Lebens zu erforschen.

 

In seinem neuen Machwerk "Faust"

will er sich mit der schönsten Frau

der Welt in Griechenland verbünden,

die Helena heißen soll,

um einen Osterspaziergang zu machen,

der den Sozialismus und das werktätige Volk der DDR

herabwürdigen soll.

 

Genosse Mielke:

Genossen, die Freundschaft zur Sowjetunion,

basierend auf den Lehren der Klassiker Marx, Engels und Lenin

sowie den Beschlüssen des VIII. Parteitages der SED,

ist die Quelle allen Denkens und Lebens.

Goethe verlässt die Positionen des sozialistischen Humanismus,

er wechselt ins Lager der westdeutschen Revanchisten

und der zum Untergang geweihten US-Kriegsverbrecherbande.

Der Weltfrieden ist in Gefahr!

Ich befehle:

Rund-um-die-Uhr-Überwachung.

Wir werden viele Fotos von ihm machen,

oft mit ihm ins Bett gehen,

jeden seiner geheimen Gedanken entschlüsseln.

 

 

 

Dezember 2011

 

Hans Krech

 

Wo Gott Wochenenden enden lässt

 

Heiße Sauerkirschen

über Vanille-Eis und Sahne

auf einer frisch gebackenen Waffel

im Cafe La Casa Del Gelato in Blankenese

zum Whiskey-verstärktem Irish Coffee

einer kalten dunklen sonntäglichen Winternacht.

 

Wo Gott Wochenenden enden lässt.

 

 

 

November 2011

 

Hans Krech

 

Ist ein Oktobermorgen

 

Rauhreif auf vorbeifliegenden Feldern

in der schwarzen kalten Oktobernacht,

der eisige Kuss des das Land ausspähenden Winters

mit den nebelbenetzten Lippen der Norddeutschen Tiefebene

zwischen Hamburg und Berlin.

Darüber die LED-Sichel

des zunehmenden Mondes,

umkränzt von den Hotspots flimmernder Sterne.

 

Und dann überspült die hellblau orangene Morgendünung

die grüner werdenden Wiesen und dunklen Wälder,

mischt sich mit dem schläfrigen Morgennebel,

öffnen sich die noch müden Augen des neuen Tages,

werden stahlblau und klar.

Ist ein Oktobermorgen.

 

(geschrieben während der Bahnfahrt mit dem ICE 703 am 22.10.2011 6.51 Uhr bis 8.48 Uhr von Hamburg-Altona nach Berlin Hbf)

 

Oktober 2011

 

Hans Krech

 

Herbst ist in der Stadt

 

Braunrotschwarzgelbe Kastanienblätter auf allen Wegen,

gekräuselter abgestorbener Sommer,

knirschend unter unseren langen Schritten,

braun glänzende Kastanien gebärend,

aus aufplatzenden Stachelgehäusen.

 

Eine weiße Sonne am azurnen Himmelszelt,

jeden Tag sich um tausend Kilometer von uns entfernend

in unendliche Weiten des Universums,

lockt Sturmfluten vom Norden an,

Regenbelagerungswolken und eisgekühlte Nächte.

 

Schwarzes Elbwasser späht Hamburg aus

mit hochspringenden Wellen,

deren Gischt gierig nach Land lechzt,

hungrig auf Hafen, Docks und Fleete,

Fischmarkt und Elbuferweg fressend.

 

Majestätisch gleitet die "Kuala Lumpur Express" von Hapag Lloyd

elbaufwärts in den Altonaer Hafen,

himmelhoch beladen,

achttausend Container huckepack,

in jedem ein Stück Herbst.

 

(10.10.2010)

 

 

September 2011

 

Hans Krech

 

Flug AB 6583

HAM - CGN 10:30 - 11:30 Uhr

 

Wellen hundert Meter hoch,

zuckerwattensüß und friedlich,

sonnengeküsst

unter den Tragflächen der Boeing 737-700

von airberlin.

 

Der Wolkenozean auf dem

wir turbinengetrieben segeln,

gleichmäßig steigend, gelassen treibend,

einen Cafe und Bio-Chips genießend

von Hamburg-Fuhlsbüttel nach Köln/Bonn.

 

Gestartet und gelandet

im Herbstnebel von Avalon,

der ferne Träume zeugt

und nahe Wünsche erfüllt.

 

(28.10.2010)

 

 

 

 

August 2011

 

Hans Krech

 

Langlauf

 

Eine Million einsamer Runden,

 gehetzt,

   gekeucht,

      geschwitzt,

durch morgenkühle Vororte,

auf schwarzen Asphaltbändern, zerfurchten Feldwegen,

 belächelt,

   verlacht,

      bewundert.

Und du wirst Sieger sein über dich und über deine Gegner!

Schön ist es, hoch oben zu stehen und zu lachen,

mit der Sonne und dem Wind,

nach diesen eine Million Runden.

 

(Quelle: Deutsches Sportecho, Ost-Berlin, 26./27.9.1980, Nr. 190, S. 7) 

 

 

 

Juli 2011

 

Hans Krech

 

A 7

 

Schwarz-weiße Wolkengebirge, alpengroß,

auf himmelblauer Leinwand

über dem grauen doppelten Betonband,

das sich durch norddeutsche Fichtenwälder und Weiden

in Richtung Süden schlängelt.

Alle fünfzig Meter gespickt mit Lastern aus Dänemark.

Gierig Kilometer hinunterschlingende schwarze Audis

auf der linken Überholspur.

Auf der Gegenfahrbahn stauen sich bis zum Horizont

Wochenendurlauber aus Niedersachsen und dem Ruhrgebiet

vor dem Elbtunnel,

der sie ansaugt, verschluckt

und an die verregneten Strände von Nord- und Ostsee hinaus beschleunigt.

 

Das Blut des Landes

von einer Million Automotoren

kraftstrotzend durch die Nord-Süd-Lebensader gepumpt

im Takt des Wirtschaftsaufschwungs.

 

(geschrieben während einer Autofahrt von Hamburg - Othmarschen zum NATO-Truppenübungsplatz Bergen in Niedersachsen am 1.7.2011)

 

 

 

Juni 2011

 

Hans Krech

 

MOONRIVER

 

Mond im Fluss

Zitternd auf den Wellen der Flut,

die von Cuxhaven elbaufwärts drückt,

auch in mein Herz,

das lebt in und mit der Elbe,

deren Adern sich verästeln in mir

im Wechsel der Gezeiten.

 

Krabben in mir, Nordseeluft,

Sturmflutgrollen, Flugsand, Heringe

Und eine Robbe im Hafen meines Körpers.

Immer hungrig.

Wasserliebend, wassergeboren.

Moonriver überschwemmt

Seele und Herz.