Fregatte F 220 "Hamburg" bei der Auslaufparade zum Hafengeburtstag 8. Mai 2010

 

 

 

 

 

 

 

 

 

GEDICHT DES MONATS

 

Ein Gedicht ist eine Sternschnuppe des Alltags.

 

 

Juni 2026

 

Hans Krech

 

Oak Alley Plantation

 

Virginia-Eichen

wohl zweihundert Jahre alt,

mit einem Stammumfang von bis zu zehn Metern,

alle knorrigen Äste innen hohl,

überzogen mit Moosen und Farnen,

angetreten in einer 240 m langen Allee,

ihre breit ausladenden Kronen sich verbindend

zu einem majestätischen Live Oak-Kreuzgang,

hinführend zum Big House,

leuchtend weiß, mit großen blinkenden Fenstern

und Portalen aus Eichenholz,

gestützt von dorischen Marmorsäulen,

eine überdachte Ballustrade als Halskette tragend,

die prächtigste Antebellum-Villa Louisianas.

 

Imd dahinter versteckt die sechs Cabins,

die winzigen grauen Holzhütten der Sklaven,

die auf den Zuckerrohrfeldern am nahen Mississippi

diese vollkommene Schönheit der Oak Alley Plantation

erarbeiteten.

 

(geschrieben am 3.4.2026 im Natchez Grand Hotel, Natchez, Bundesstaat Mississippi)

 

 

Mai 2026

 

Hans Krech

 

Wo unsere Revolution begann

 

Eine weiße Mittagssonne am Himmel Atlantas,

die meinen Weg ausleuchtet,

zum Geburtshaus von Martin Luther King Jr.,

zur Ebenezer Baptist Church,

bis zu jenem langgestreckten hellblauen Wasserbecken,

durch das der ewige Fluss des Lebens über vier Kaskaden

hin zu jener Insel fließt,

auf der unser Lehrmeister seit 1974 in seinem Marmorsarkophag rastet:

"We will not be satisfied -

Unitil Justice rolls down like Water -

And Rightousness -

Like a Mighty Stream - "

 

Wir Bürgerrechtler lernten von MLK.

Wir haben ihn bewundert,

die Kampagnen analysiert und kopiert,

um mit der Waffe Ziviler Ungehorsam

die kommunistische SED-Diktatur

im revolutionären Herbst 1989 zu zerbrechen

und die Menschen- und Bürgerrechte durchzusetzen.

 

Ich will niederknien und beten.

Lächelnd flüstert er mir zu:

"The Dream Lives. The Legacy Continues"

 

Und ich verlasse

den Martin Luther King Jr National Historical District

in Atlanta/ Georgia

aufrecht,

selbstbewusst,

mit erhobenem Kopf

auf dem Walk of Fame der Civil Rights Movement,

bleibe stehen in der Fußspur von Rosa Parks,

lache mein Siegerlachen.

Ich stehe genau da, wo unsere Revolution begann.

 

(geschrieben 7.4.2026 Atlanta/ Georgia)

 

April 2026

 

Hans Krech

 

Dallas mit Texas-Mond

 

Zwischen Comerica Bank und Mercantile Building

hat er auf mich gewartet,

fast ein Vollmond, fast ein Wolfsmond,

darauf große graue Krater, ganz nah,

unheimlich,

deutlich zu sehen.

Der Stern des Lone-Star-State.

 

Im Hintergrund das blaue Neongerüst des 270-Meter-Renaissance-Towers "Ewing Oil",,

stützend den Start des riesigen roten Pegasus vom Dach des Magnolia Hotels.

Unten auf der Pacific Avenue

eine Harley-Davidson langsam durch die Straßenschlucht rollend,

die Lautsprecher brüllend Rap-Musik,

hämmernd den Sound dieser Zaubernacht in mein Herz,

das darauf Jahrzehnte gewartet hat.

 

Und Dallas marschiert in mich hinein,

vorneweg die Texas Longhorn-Herde von der Pioneer Plaza,

mit seiner Rundumweitsicht der Reunion Tower,

dem aufgeschlagenen Geschichtsbuch des George W. Bush Presidential Center,

und mahnend für immer

mit dem weißen Kreuz auf der Elm Street am School Book Depository,

der ermordete Amerikanische Traum.

Auf der John F. Kennedy Memorial Plaza

eingemauert alle Fragen in dickem grauen Beton.

Eine Berliner Mauer.

 

Und dazwischen nun auch ich.

Ein Molekül im Trinity-River.

Eine Diode im roten Pegasus.

Ein Weltbürger dieser Schicksalsstadt.

Dallas mit Texas-Mond.

 

(geschrieben 29. März 2026, Dallas, Hilton Garden Inn,

1600 Pacific Avenue, R. 1110, nach 20:54 Uhr)

 

März 2026

 

Hans Krech

 

Dom Europa

     Für Karl den Großen

 

Sonnenlicht gefiltert durch blaubunte turmhohe Kirchenfenster

bricht sich auf dem magischen Kaiserschrein

tief im Herzen der Apsis,

in dem die Gebeine

unseres Vaters ruhen,

der uns zeugte in Dekaden endloser Feldzüge

aus dem Blut der tapferen sächsischen Krieger,

den gefällten heiligen Eichen,

den erbarmungslosen Intrigen seiner Ahnen

zur Eroberung des Thrones der Merowinger.

 

All dies uns als Erblast

mitgebend durch zwölf dunkle Jahrhunderte,

manchmal den Traum eines geeinten friedlichen Europas

in der fernen Morgenröte erahnend

am Ende der alten Zeit.

 

(Dom zu Aachen, 21.4.2015)

 

Februar 2026

 

Hans Krech

 

Ein Januarabend in Blankenese

 

Weißer Christstern

im gotischen Türgewölbe

der Blankeneser Kirche

einer dunklen Januarnacht.

 

Mit seinen Zacken strahlend

in jede Himmelsrichtung

die Botschaft eines beginnenden

guten Jahres

auch in mein Herz.

 

 

Januar 2026

 

Hans Krech

 

Elphi

 

Eine silbrig glänzende Welle

voll Elbwasser,

hoch, steil,

die schönste Philharmonie des Landes,

mit der besten Akustik europaweit,

singend das ewige Lied der Elbe,

des Schicksalsflusses der Deutschen,

Ost und West verbindend

und das Tor der Nation zur Welt öffnend.

 

Dezember 2025

 

Hans Krech

 

Blankeneser Weihnachtsmarkt

 

Die Spitzen der Tannenzweige

sind silbrig weiß und schwer

vom ersten Neuschnee,

gemalt

auf eine nachtschwarze Novemberleinwand.

 

Das Gold eines Glühweins mit Rum

erhellt meine weihnachtssüchtige Seele.

 

 

Oktober 2024

 

Hans Krech

 

Das große Tor von Kiew

 

Modest Mussorgski 1874 zu einem Bild von Viktor Hartmann in seinem Zyklus "Bilder einer Ausstellung", 10. Satz

 

Aufgestoßen das große Tor von Kiew

durch das standhafte ukrainische Volk

in Richtung Westen,

nach Europa,

hinaus aus dem sowjetischen Gulag

in die Freiheit.

 

(geschrieben am 14. Kriegstag, 9.3.2022)